Wo man sich trifft – und wo nicht:

All News08. October 2010

Wo man sich trifft – und wo nicht

Moderne Architektur, attraktiv und funktional, dazwischen gepflegtes Grün. Der Technologiepark Adlershof kann sich sehen lassen. Er ist eine ideale Arbeitsstätte. Wo aber treffen sich die Menschen außer am Arbeitsplatz? Eine Erkundung.

7.45 Uhr. Die S-Bahnen halten im Minutentakt. An der Treppe des S-Bahnhofs formieren sich Karawanen. Sie ziehen zum Bus, zum Arbeitsamt, in die Medienstadt, in den Technologiepark, in die Universitätsinstitute. Die Menschen reden miteinander. Viele haben sich schon im Zug getroffen. Viele treffen sich dort regelmäßig.

10.00 Uhr. Foyer und Treppenhaus im Zentrum für Biotechnologie und Umwelt sind großzügig angelegt. In jeder Etage laden Sitzecken zum Gespräch ein. Sie sind verwaist. Ab und zu huscht jemand vorbei, kommt ein Kunde, geht ein Lieferant. Das alles geschieht so leise, dass ich überlege, ob es nicht besser wäre, auf Zehenspitzen zu laufen und, sollte mir jemand begegnen, ein vorsichtiges „Pst“ zu flüstern. In Adlershof wird jetzt gearbeitet.

Anruf bei Dr. Christine Wedler, Geschäftsführerin der ASCA GmbH Angewandte Synthesechemie Adlershof und Mieterin im Gebäude: „Warum sind die Nischen verwaist?“

„Funktioniert nicht“, kommentiert Wedler trocken, „aber das Foyer haben wir schon mal für Ausstellungen und Vernissagen genutzt.“ Und wo treffen sich Mitarbeiter und Kunden? „Wir haben einen eigenen Seminarraum, den wir als Treffpunkt nutzen“, sagt Wedler. Wie bei den meisten anderen Unternehmen auch. Wenn Kunden zu Besuch kommen, geht sie mit ihnen essen, meistens ins Hotel an der Rudower Chaussee oder außerhalb.

Ortswechsel: Dr. Gerhard Raetz ist Prokurist der Betreibergesellschaft des Adlershofer Innovations- und Gründerzentrums. Wo treffen sich die Menschen außerhalb der Besprechungsräume? „Zum Essen in der ‚Hummel’“, sagt er und meint damit die Betriebsgaststätte in der sechsten Etage. Sie ist ein beliebter Treffpunkt zur Mittagszeit nicht nur bei den Mietern im Haus. Außerdem gebe es „kuschelige Sofas“ im Foyer. Er beobachte, dass diese immer öfter genutzt werden, um etwas zu „bereden, zu machen und zu tun“. Im Gründerzentrum herrscht Rauchverbot. Das hat zur Entwicklung einer eigenen Begegnungskultur geführt: Rauchergrüppchen vor den Türen. Der Aschenbecher vor dem Gründerzentrum steht unter einem Vordach. „Damit die Leute nicht im Regen stehen“, schmunzelt Raetz.

Erwin Schrödinger-Zentrum, 11.30 Uhr. An den Tischen vor dem Haupeingang sitzen wenige Studenten. Sie unterhalten sich, brüten über ihren Unterlagen oder blicken konzentriert auf die Bildschirme ihrer Laptops. Drinnen bei „TIM’s Canadian Deli” geht es vergleichsweise gemächlich zu. In den Hörsälen und Seminaren wird jetzt gelernt.

Uwe Pirr vom Computer- und Medienservice der HU kennt sich bestens aus im Erwin Schrödiger-Zentrum. Er führt mich durch Bibliothek zu den Gruppenarbeitsräumen. Zwei sind leer. In einem dritten sitzt ein gutes Dutzend Studenten ins Gespräch vertrieft. Ob solche Räume auch der sozialen Kontaktpflege dienen? Pirr vermutet das.

Wo er den essen gehe? „Hier gar nicht“, lacht er verschmitzt, „und wenn höchstens einen Snack“. Er kocht gern für die ganze Familie, abends. Wo sich denn die Kollegen treffen? In den Kantinen oder im Café „Kamee“ im Johann von Neumann-Haus, schräg gegenüber auf der anderen Seite der Rudower Chaussee.

Jürgen Rabe stößt zu uns. Der Physikprofessor kommt gern zu „Tim’s“, auch wegen der Sessel, in denen es sich mit dem Laptop auf dem Schoß bequem sitzen lässt. Und wo sonst treffen sich die Physiker? „In den Projekträumen, in den Laboren, man geht gar nicht so sehr raus“, sagt Rabe. Ob er Kantinengänger sei. Er verneint, aber einen Biergarten, den würde er sich in Adlershof sehr wünschen.

Gleich neben dem Schrödinger-Zentrum liegt der Forumsplatz, eigentlich eine semantische Redundanz, denn das lateinische Wort „Forum“ steht für „Platz“. Wie in der Antike soll er einmal das Zentrum von Adlershof werden, so jedenfalls sieht es das städtebauliche Konzept vor. Aber noch ist der Platz nicht fertig. Noch stehen die beiden ehemaligen Laborhäuschen aus den Zeiten der Luftfahrtforschung leer, fehlen Verbindungsbau und Nutzer. Im nächsten Jahr soll dort Gastronomie einziehen, Raum für Konferenzen und Tagungen angeboten werden. Vorerst nutzt die studentische Karawane ihn als Abkürzung auf dem Weg vom S-Bahnhof zum Campus. Der helle Beton reflektiert das Sonnenlicht. Nur eine der Bänke ist besetzt. Zwei Studentinnen blinzeln ins Sonnenlicht. „Psychologie, zweites Semester“, geben sie mir bereitwillig Auskunft. Ob ihnen der Platz gefällt? Oh ja, aber ihm fehle etwas, ein Springbrunnen wäre schön. Da könne man an einem so heißen Sommerabend die Füße im kalten Wasser baumeln lassen. Wo sie sich mit den Kommilitonen treffen? Mittags, sagen sie, entweder bei „Tim’s“ oder in der Mensa, die sei aber zu klein.

13.00 Uhr. Keine 50 Meter vom Forum entfernt besuche ich das „SBZ Prüfstand“, das „Studentische Begegnungszentrum Motorenprüfstand“, auch "MoPs" genannt. Dabei handelt es sich um einen selbstverwalteten studentischen Projektraum mit Cafébetrieb im Gebäude des ehemaligen schallgedämpften Motorenprüfstandes, einer Hinterlassenschaft aus der Zeit, als Adlershof ein Zentrum der deutschen Luftfahrtforschung war.

Das „MoPs“ ist ein echter Treffpunkt. Vor dem Prüfstand essen die Studenten Mitgebrachtes aus der Tupperdose und trinken dazu Gekauftes aus der Flasche. Im Haus steht Janek Zeuschner hinter dem Tresen. Er studiert im vierten Semester Chemie. Wer denn in den „MoPs“ kommt, will ich wissen. Stammkundschaft, fächerübergreifend, meint er. Das Haus sei oft voll. An manchen Tagen sei es bis Mitternacht offen. Am Abend kämen auch viele, um ein Bier zu trinken. Wer kommt sonst noch, will ich wissen. „Kaum Mathematiker und Informatiker“, sagt er. Die studieren auf der anderen Straßenseite der Rudower Chaussee, gerade mal 300 Meter entfernt. Und wo treffen sich die Studenten? In den Fachschaften, meint Zeuschner, die Arbeitskreise blieben oft unter sich. „Manche gehen aber auch zum China-Imbiss.“ Bis dorthin, stelle ich fest, ist es nicht ganz so weit wie bis zu den Mathematikern auf der anderen Seite der Rudower Chaussee. Der Imbiss liegt versteckt inmitten des ehemaligen Kasernengeländes, wo heute unter anderem Arbeitsamt und Beschäftigungsgesellschaften untergebracht sind.

13.30 Uhr: Das Johann von Neuman-Haus ist eine Welt für sich. Die geschwungene Fassade des Gebäudes grenzt direkt an die Rudower Chaussee. Dort hat sich eine Ladenzeile etabliert, wo man Blumen kaufen, Autos mieten, Bücher kopieren, Kaffee trinken oder in der Bank über die Gründung eines Unternehmens verhandeln kann. Ein idealer Treffpunkt. Petra Franz, Referentin für Adlershof beim ebenfalls für Adlerhof zuständigen Vizepräsidenten führt mich durchs Haus.

In der „Berlin Mathematics School“ stehen große Tafeln im Flur, dicht beschrieben mit Formeln. Vor einer der Tafeln steht eine Sitzbank, wo man Platz nehmen kann, um über die Formeln nachzudenken. Im Hintergrund flüstern zwei Doktoranden auf Englisch. Die kleinen Denkerstübchen – „Denkzellen“ genannt - beiderseits des Flures sind verlassen aber nicht verwaist. „Die sind alle zum Essen gegangen“, sagt Petra Franz und fügt hinzu, dass viele Räume der Universität mit teurer Technik ausgestattet seien und daher nach Benutzung verschlossen werden müssen. Das fördere nicht unbedingt die Kommunikation.

Die Mensa gleich gegenüber heißt „Oase“ und ist ein Provisorium. Dort herrscht Hochbetrieb, jedoch nicht jeder Platz ist besetzt. Nebenan befindet sich das Café „Kamee“, das so etwas wie Kultstatus genießt. Es ist proppenvoll.  Am Fenster sitzt Professor Reinhart Kühne. Er leitet die Einrichtung „Verkehrsstudien“ am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, gleich um die Ecke. Kühne ist Stammgast. Warum er hierher kommt? Er lacht: „Weil ich hier Zeitung lesen kann“. Ob er sich auch mit den Studenten unterhält. „Manchmal“, sagt er. Neulich habe er zwei Studenten angesprochen, weil sie in einem Buch des Physikers Hermann Haken lasen. Das hat ihn interessiert. Bei Professor Haken hat Kühne nämlich promoviert.

14.30 Uhr: Vor dem Zentrum für Photonik und Optik stehen Tische und Stühle. Ein lauschiges Plätzchen unter hohen Bäumen. Drinnen räumt Rita Kunitz auf. Sie bedient in ihrer „Kleinen Pause“ täglich bis zu 120 Gäste, Stammkundschaft. „Von kleinen Unternehmen kommt manchmal die ganze Belegschaft“, sagt sie. Warum nicht früher? Akademiker, meint sie, fangen später an zu arbeiten und haben meist gefrühstückt. Erst zu Mittag ziehen sie wieder los, weil sie Hunger haben. Sie kommen pünktlich, Tag für Tag, zwischen 11.30 Uhr und 14.30 Uhr „Man kann die Uhr nach ihnen stellen.“

Ortswechsel: Eine Kollegin hat mich gebeten, einen neuen kleinen Park in Augenschein zu nehmen. Er befindet sich in einem kleinen Robinienwäldchen unweit der Medienstadt. Ein Rundweg wurde angelegt, Parkbänke aufgestellt. Im Prospekt würde es dazu heißen: „Ein lauschiges Plätzchen, das zum Verweilen einlädt.“ Der Wind rauscht in den Blättern. Die Sonne scheint. Ein junger Mann hat sich zum Verweilen eingefunden. Er telefoniert, steht auf und verschwindet in einem der umliegenden Gebäude. Es ist 15.30 Uhr. In Adlershof wird gearbeitet.

Dr. Peter Strunk

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