Als ich mal Telefonfrollein war: Ein Job im Leserservice: Essay von Lea Streisand, Berliner Kolumnistin, Moderatorin und Schriftstellerin

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27. April 2017

Als ich mal Telefonfrollein war: Ein Job im Leserservice

Essay von Lea Streisand, Berliner Kolumnistin, Moderatorin und Schriftstellerin

Ich hatte auch mal richtige Arbeit. Das ist schon lange her. Damals studierte ich noch und wusste nicht, was ich werden soll. Schriftstellerin war gar keine Option. Das wusste doch jeder, dass man mit Kunst kein Geld verdienen kann. Aber weil ich trotzdem Kohle brauchte, um meine damaligen Hauptnahrungsmittel Kaffee, Zigaretten und Apfelsaftschorle zu bezahlen, ging ich in den Service und wurde Callcenteragent. Sprich: Koalssentaäitschent.

„Telefonfrollein“, sagte meine Großmutter. Drei Tage die Woche ließ ich mich vier Stunden am Stück von wütenden Zeitungsabonnenten anbrüllen und versuchte, freundlich und kompetent zu antworten.

„Sie Frollein! Die Zeitung war wieder nich im Kasten. Ick kündige!“

„Oh je! Das klingt schlecht. Wie ist denn Ihre Kundennummer? Dann schaue ich mir das mal an.“

„Kundennummer. Weeß ick doch nich. Müller heiß ick.“

Das Problem war, dass man den Namen Müller in der Datenbank nicht suchen durfte, zumindest nicht, ohne noch weitere Informationen zum betreffenden Kunden einzugeben, Straße und Hausnummer oder Postleitzahl und Vornamen, einfach aus dem Grund, weil es in der Datenbank Müllers wie Buchstaben in der Zeitung gab. Sonst wäre sofort der Server abgestürzt.

„Herr Müller, sagen Sie mir, wo Sie wohnen? Dann finde ich Sie leichter.“

„Nee, wieso? Soweit kommt’s noch!“

Die meiste Zeit hat mir der Job im Callcenter Spaß gemacht. Im Gegensatz zu meinem Germanistikstudium, wo ich mir in überfüllten Proseminaren und kryptischen Vorlesungen vorkam wie ein Vollidiot, gab mir der Job im Leserservice das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Leuten zu helfen. Ganz der Wortbedeutung entsprechend.

Service ist das Abstraktum zum Verb servieren, „auftragen, bedienen“, das, entlehnt aus dem Französischen, seit dem 16. Jahrhundert im Deutschen nachgewiesen werden kann. Es hat dieselbe Wurzel wie das Lateinische servus, was Diener oder Sklave heißt. Die bayrische Grußformel kommt übrigens auch da her. Übersetzt lautet sie so was wie:

„Ich bin dein Diener!“

Ein anderes Mal hatte ich eine alte Dame am Telefon, nennen wir sie Frau Schönlein. Sie wollte wissen, an welche Adresse sie die 17,50 Euro für ihr Probeabo schicken soll.

„Nicht schicken, Frau Schönlein“, sagte ich. „Überweisen müssen Sie das Geld.“

Doch Frau Schönlein hatte andere Pläne.

„Ich hab jetzt den 20-Euro-Schein in den Briefumschlag gesteckt“, erklärte sie mir munter. „Ist auch schon zugeklebt. Soll ich Ihren Namen raufschreiben? Das Restgeld dürfen Sie behalten. Können Sie sich ein Blümchen von kaufen. Fürs Fensterbrett.“

Ich atmete leise ein und aus. Ich schätzte Frau Schönlein auf Ende achtzig. Welcher unseriöse Verkäufer drehte einer so alten Dame ein Probeabo an? Bestimmt hatte sie es noch nicht mal gekündigt.

„Frau Schönlein“, sagte ich ruhig, „Sie haben doch sicher ein Girokonto?“

„Watt fürn Ding? Weiß ick nich“, sagte Frau Schönlein zerstreut.

Ich versuchte es anders.

„Frau Schönlein“, sagte ich, „Sie bekommen doch Rente?“

„Ja“, sagte Frau Schönlein laut und deutlich, offenbar erfreut, endlich mal eine positive Antwort geben zu können.

„Wunderbar“, sagte ich erleichtert. „Und die Rente, wo geht die hin?“

„Tja“, sagte Frau Schönlein nachdenklich, „meistens kauf ich Sachen für meine Enkel. Und mittwochs spiel ick Lotto.“

Kurz musste ich meine Stirn auf die kühlende Plastiktischplatte meines Arbeitsplatzes legen. Dann ging es wieder.

„Frau Schönlein, passen Sie mal auf“, sagte ich. „Sagen Sie mir mal, wo Sie wohnen.“ Ich wollte das Probeabo einfach manuell beenden und die Rechnung rausnehmen. Das konnte hier alles nicht Sinn der Sache sein.

„Meine Adresse?“, rief Frau Schönlein. „Au, das ist fein! Kommen Sie mich besuchen? Ich werd gleich mal gucken, ob ich noch Kekse im Schrank hab. Momentchen ...“

Die Verbindung wurde unterbrochen. Entweder hatte Frau Schönlein beim Kekse suchen das Telefonkabel aus der Wand gerissen oder den Hörer auf der Gabel „abgelegt“. Wir werden es nie erfahren. Auf jeden Fall wünsche ich ihr alles Gute. Und viel Glück im Lotto.

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