Arbeit für alle: Warum Vollzeit-Working-Moms anders Vollzeit arbeiten als Vollzeit-Working-Dads: Essay von Dilek Güngör, Journalistin und Autorin aus Berlin

28. Februar 2018

Arbeit für alle: Warum Vollzeit-Working-Moms anders Vollzeit arbeiten als Vollzeit-Working-Dads

Essay von Dilek Güngör, Journalistin und Autorin aus Berlin

Kolumne Working Mom

Working Moms, arbeitende Mütter – gibt es denn Mütter, die nicht arbeiten? Die Zeugung macht Arbeit, die Schwangerschaft, und erst die Geburt. Kaum ist das erledigt, schwant den Müttern, noch im Kreißsaal, dass die eigentliche Arbeit doch erst jetzt beginnt.

Am Anfang denkt man, wie viel Arbeit kann so ein Säugling machen? Man staunt über Freundinnen, die einem erzählen, sie seien in den ersten Wochen mit dem Baby nicht aus dem Schlafanzug und schon gar nicht zum Duschen gekommen. Ein Baby schläft doch die meiste Zeit. Es liegt rücklings in seinem Stubenwagen und kann sich nicht auf den Bauch drehen, eigentlich kann es gar nichts außer schreien, trinken und „Kacka”.

Dennoch ist man in Gedanken ununterbrochen beim Kind. Es könnte aufhören zu atmen. Also geht man immer wieder ans Bettchen und horcht. Es könnte kalte Händchen bekommen. Tut es auch, weil es die Hände nicht ordentlich unter die Bettdecke steckt, sondern links und rechts neben den Kopf legt. Es zuckt im Schlaf und wacht davon auf, also streichelt man es sachte.

Dann wächst es und krabbelt, irgendwann läuft es. Überallhin. Wenn es nicht läuft, fällt es hin, weil es über die Teppichkante stolpert, über die Türschwelle, über die Schuhe im Flur, über seine eigene Krabbeldecke. Stolpert es nicht, stößt es sich an der Tischkante, an der Bank, am Türrahmen, am Waschbecken, am Sofa, an allem, was in der Welt steht. Und die Mütter trösten und küssen und reiben und pusten und kühlen. Manchmal kleben sie Pflaster mit kleinen Bären auf Schürfwunden. Sie versuchen – das Kind auf den Knien oder schlafend über der Schulter – zu telefonieren, einen Termin zu vereinbaren, eine E-Mail zu schreiben, gar an einer Telefonkonferenz teilzunehmen. Das geht schon irgendwie, ist nur umständlich, langsam und man bekommt nur die Hälfte mit. Von dem, was die Kollegen am Telefon sagen, und dem, was das Kind, das vom Schoß gerutscht und in die Küche gekrabbelt ist, tut beziehungsweise isst. Den Spülschwamm nämlich.

Dann kommt der Tag, da geht das Kind in die Kita und aus der Working Mom wird eine richtige berufstätige Mutter, denn nur bezahlte Arbeit ist ja echte Arbeit, alles andere zählt nicht, das muss bloß erledigt werden. Neu ist jetzt, dass die Mütter nicht mehr bis in den Abend im Büro bleiben, sondern um vier gehen müssen, das Kind abholen. Selbstredend gibt es auch die Dads, aber die sind fast immer Vollzeit-Working-Dads. Moms sind auch Vollzeit-Working-Moms, aber anders Vollzeit. Sie bekommen das Kunststück hin, 120 Prozent ihrer Arbeit in 80 Prozent der Zeit zu erledigen, fahren dann in die Kita oder in die Schule, was völlig gleich ist, wohin man fährt, denn immer verlässt man das Büro mit dem schlechten Gefühl, mittendrin gehen zu müssen. Es ist auch deshalb egal, um 16 Uhr trifft man allerorts die anderen Working Moms.

Und die Kinder? Ach ja. Die erkennt man daran, dass sie nicht abgeholt werden wollen, plötzlich lieber mit einem Freund nach Hause oder lieber nach Hause statt zum Musikunterricht gehen wollen. Dann nimmt man seine ganze Kraft zusammen, blickt auf die Uhr und sagt sich tröstend, dass es nur noch fünf Stunden dauert, bis das Kind im Bett ist. Danach bleibt ja immer noch Zeit, die Wäsche zu falten oder einen Bericht zu lesen, zu dem man tagsüber nicht gekommen ist. Bestimmt gibt es Mütter, denen das alles nichts ausmacht. Und es gibt die, die Pläne schmieden, wie aus den Vollzeit-Working-Dads einfach Dads werden. Und dass wahr wird, wovon man naiverweise ausgegangen war, als das Baby noch im Bauch war: Davon, dass sich Mom und Dad die Arbeit gerecht aufteilen. Alle Arbeit.

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