Da kann ja jeder Bauer bloggen: Wie die Digitalisierung etablierte Geschäftsmodelle ablöst – und was dabei nervt. Essay von Simone Janson

03. Januar 2019

Da kann ja jeder Bauer bloggen

Wie die Digitalisierung etablierte Geschäftsmodelle ablöst – und was dabei nervt. Essay von Simone Janson

Bauer bloggt. Illustration: D. Mahnkopf

Ob Impfstoffe auf Zuckerbasis, Oberflächenanalyse zur Qualitätskontrolle, Laserherstellung, Forschung an effektiveren Solarzellen oder neue optoelektronische Bauteile: In Deutschland haben es neue Ideen schwer. Skeptisch sind potenzielle Kunden, Geldgeber wie auch etablierte Organisationen gleichermaßen. Am deutlichsten wird das in der digitalen Kommunikation, die nicht selten den Erfolg einer Idee erst möglich macht.

Manchmal hat der Wahnsinn Methode: Eines der wichtigsten Unternehmen des Landes, die Deutsche Bahn, macht zwar Start-up-Safaris in Berlin, von einer wirklichen Echtzeit-Fahrplanauskunft können Kunden aber nur träumen. Und wer eine Anmeldung beim Deutschen Patent- und Markenamt, sozusagen die Verwaltungsstelle für Innovation, tätigt, muss den Mitarbeitern Faxe oder Briefe schicken, die dann eingescannt werden.

Die Gründe jeglicher Skepsis liegen in der Gefahr für alteingesessene Unternehmen. Beispiel Zeitungsverlage: Deren traditionelles Geschäftsmodell beruht auf einer Quasimonopolstellung im Lokalen. Hier hatten Redaktionen die Informationshoheit, ihre Leser waren abhängig von der Berichterstattung. Entsprechend selbstbewusst war auch der Habitus vieler Journalisten. So ist es kein Wunder, dass sogar eine junge Studentin meinen Vortrag über Social Media an einer Hochschule entsetzt kommentierte mit: „Da kann ja jeder Bauer bloggen.”

Mittlerweile hat sich dieses Blatt gewendet: Erst wanderten die Anzeigenmärkte ins Internet ab, nun entwickeln dort Browser die Immobiliensuche mit Augmented Reality.

Auch in konservativen Branchen wie dem Finanz- und Personalwesen stehen unzählige Start-ups mit Apps bereit, die den digitalen Zahlungsverkehr oder die Personalarbeit grundlegend verändern werden. Es vergeht kein Tag, an dem man als eines der Human-Resource-(HR-)Branchenmedien nicht entsprechende Meldungen auf dem Tisch hat. In der Recruiting-Branche ist es mit Google for Jobs sogar ein großer Player, der sich anschickt, den Markt für Stellenanzeigen umzukrempeln.

Und die alten Hasen? Halten sich für unersetzbar, weil nur Menschen andere Menschen beurteilen können. Laut einer Studie an der Universität Bamberg unter 1.000 Unternehmen haben nur vier Prozent der Personaler Angst vor Jobverlust durch Automatisierung. Dabei steht längst ein bunter Blumenstrauß an Algorithmen zur Bewerberselektion zur Verfügung – von E-Recruiting-Systemen mit Bewerberdatenverwaltung über die automatisierte psychologische Auswertung von Social-Media-Profilen bis hin zur eignungs­diagnostischen vollautomatischen Stimmauswertung – wenn auch Letztere eher in der Esoterik zu verorten ist.

Es sind nicht zuletzt solche eher unseriösen Ideen, die die Skepsis gegen jede Art von Innovation in allen Branchen schüren. Denn längst ist es schwierig geworden, aus der Masse von Informationen und Ideen die wirklich guten herauszufiltern. Immer öfter geht es um Aufmerksamkeit und Klickzahlen statt um Inhalte. Synonym dafür steht die im Online-Marketing derzeit aggressiv geführte Influencer-Diskussion. Und weil eben sprichwörtlich jeder Bauer seinen Senf dazugeben kann, wird es für das einzelne Start-up immer schwerer, aus der Masse an Informationen herauszustechen.

Da hilft nur eines, auch wenn es nervt: Die richtigen Kanäle für sein Produkt kennen und dort immer wieder auf sich aufmerksam machen.

Simone Janson betreibt unter der Marke Best of HR – Berufebilder.de einen Verlag mit Büchern und E-Learning-on-Demand-Angebot.

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