Die Sprechschule: Starauflauf in den Studios von TV Synchron

31. Oktober 2012

Die Sprechschule

Starauflauf in den Studios von TV Synchron

Links: Synchronsprecher Christian Rode bei International Voice; Rechts: Schauspielerin und Sprecherin Carmen Molinar

Links: Synchronsprecher Christian Rode bei International Voice; Rechts: Schauspielerin und Sprecherin Carmen Molinar

Starauflauf in Adlershof? Sarah Jessica Parker, die „Carrie“ aus „Sex and the City“ ist da, Penélope Cruz und Jeremy Irons ebenfalls. Wenn man die Augen schließt und nur den Stimmen lauscht, ist die Illusion perfekt. Gemeinsam mit Irina von Bentheim, der deutschen Carrie-Stimme, und Christian Rode – dem Grandseigneur unter den deutschen Synchron-Sprechern, der auch Rock Hudson, Michael Caine oder den Sesamstraßen-Bert spricht, veranstaltet Carmen Molinar, die Penèlope Cruz ihre Stimme lieh, mit ihrer Firma „International Voice“ regelmäßig Ausbildungskurse u. a. für Synchronsprecher in den Studios von TV-Synchron.

„Sprechen ist Seele pur“, sagt Carmen Molinar. Für Dreharbeiten ist die gebürtige Hamburgerin nach Berlin gekommen und für den eintägigen Intensivsynchronkurs ihrer Firma „International Voice“, der am Sonntag in den Adlershofer Studios der TV-Synchron stattfinden wird. „Eine schöne Stimme allein reicht aber nicht“, fügt Molinar hinzu.

Rhythmus ist enorm wichtig, auch Mut. Die richtige Atemtechnik und ein klares Hochdeutsch sind Voraussetzung. Angst vor Technik ist schlecht. Der Rest ist Training. Vor sieben Jahren hatte Carmen Molinar die Idee, eine „Sprechschule“ für alle, die professionell mit ihrer Stimme arbeiten wollen, zu eröffnen. Ihr eigener Weg führte sie über Umwege in die Sprecherrolle. Nach einem Linguistikstudium und beruflichen Stationen im Tourismus und im Marketing landet sie in der Filmbranche. Zunächst im organisatorischen Bereich. Später produzierte sie für Stern-TV journalistische Beiträge, die sie selbst vertonen sollte.

Die klassische Sprecherausbildung, die es früher bei Sendeanstalten wie dem Westdeutschen oder dem Bayrischen Rundfunk noch gab, ist längst wegrationalisiert. Also übt sie autodidaktisch, schreibt sich Rollen aus Filmen und Reportagen ab und spricht sie nach. Das Ergebnis ist ernüchternd. Warum klingt das so anders? „Man spricht, wie man liest“, erklärt Molinar. „Deutsche Satzzeichen sind nicht sehr ‚bildlich‘.“ Es kommt nicht darauf an, Text wiederzugeben, sondern Inhalte zu transportieren: „Man muss fühlen, was man spricht.“

Allein in einer kleinen Box mit einem Monitor ist das nicht immer einfach. Ein großer Teil der Arbeit ist da bereits getan. Ein Dialogbuchautor hat die originale Version des Drehbuchs so bearbeitet, dass sie auf die Mundbewegungen der Schauspieler passen. Die Herausforderung ist, die Dialoge „in die Schnauze zu kriegen“, weiß Molinar. Denn für den deutschen Ausdruck „geh doch hin, wo der Pfeffer wächst“ sagt der Spanier „geh Spargel frittieren“.

Nachdem der Synchronregisseur dem Sprecher kurz den Inhalt der Szene erklärt hat, geht es los. Die Situation der Szene auf dem Bildschirm muss blitzschnell erfasst, der Cursor, der die Länge des „Takes“ anzeigt, nicht aus den Augen verloren werden. Atmet der Schauspieler im Bild, muss auch der Sprecher atmen, ruft er, muss auch der Sprecher seiner Stimme einen „Rufcharakter“ geben. Zehn Sekunden – so lange dauert ein „Take“ in der Regel – können da ganz schön lang werden. „Was ein Regisseur dem Sprecher nie sagen will“, erklärt Molinar, „ist: ‚Gib mal noch ein bisschen mehr.‘“ Doch „Sprechen ist ein Handwerk“, man kann es lernen.

Genau deshalb hat sie vor sieben Jahren, gemeinsam mit dem Jazzmusiker und Toningenieur Sebastian Ohmert, „International Voice“ gegründet. Es geht nicht nur um Synchronsprechen, sondern auch um Genres wie das Hörbuch und Hörspiel, Sprechen für Reportagen und Dokumentationen, für Imagefilme, Audioguides oder Computerspiele.

Als Dozentin suchte sie nach Profis, die ihr Wissen vermitteln wollen. Mit Christian Rode, ihrer „deutschen Lieblingsstimme“, sagt Molinar, sei sie früher immer eingeschlafen. Unzählige von ihm eingesprochene Hörspielkassetten hätte sie als Kind gehört. Entsprechend groß war der Respekt, als sie ihn für ihre Schule gewinnen wollte. Beim ersten Telefonat legte sie vor Schreck einfach auf. Rode, ein Gründgens-Schüler, ist seitdem das Zugpferd, er hat die Schule geprägt, sagt Molinar. Auch Irina von Bentheim sei ein Glücksgriff. Eine „richtige Frauenstimme“ habe sie gesucht. Wenn sie in ihrem Umfeld fragte, was eine richtige Frauenstimme sei, kam immer dieselbe Antwort: „die Carrie“. Komplettiert wird das Team von Synchronregisseur Peter Minges, der die Synchronisation von Serien wie „King of Queens“ und „West Wing“ betreute.

An ihre erste Synchronrolle kann sich Carmen Molinar gut erinnern: eine Afroamerikanerin. Dabei habe sie „definitiv keine schwarze Stimme“. Heute macht sie lieber Reportagen und Dokumentationen, coacht die Protagonisten der VOX-Doku-Soap „Goodbye Deutschland“, produziert Hörbücher oder lehrt in ihrer Sprecherschule. Und auch ein neues Projekt liegt ihr am Herzen: Auf Mallorca, wo Molinar lebt, will sie bald eine Jugendschauspielschule eröffnen. Vorher kommt sie aber wieder nach Adlershof. Im Dezember ist der nächste Intensivkurs für Synchronsprecher geplant.

Von Rico Bigelmann für Adlershof Journal

www.international-voice.de

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