Hetz‘ dich nicht: Was sich von Kinderbuchhelden lernen lässt: Essay der Berliner Journalistin Paulina Czienskowski

03. Januar 2017

Hetz‘ dich nicht: Was sich von Kinderbuchhelden lernen lässt

Essay der Berliner Journalistin Paulina Czienskowski

Illustration Dorothee Mahnkopf

Illustration Dorothee Mahnkopf

Von Helden in Kinderbüchern kann man sich vieles abgucken. Vor allem aber eines: Geduld. Häufig begeben sie sich auf die 
Suche nach Dingen. Auf ihrer Reise durch ihre Realität zeigen sie Heranwachsenden, was es da so alles gibt: Tiere, Berufe, Orte. 
Seite für Seite, bis meist zur allerletzten dauert die Spannung. Kinder bleiben aufmerksam, auch deshalb, weil die Protagonisten nicht irgendwann vor Wut losbrüllen, weil sie nicht hysterisch werden, da ihr Ziel nicht schnell genug in Sichtweite ist. Stattdessen stapfen sie mit Lebenslust und Muße in dessen Richtung. Stück für Stück.

Dass Wege zu Erkenntnissen in Wirklichkeit nicht nur eine Runde Vorlesen bedeutet, zeigt uns die echte Welt immer wieder. Für das Forschen nach Medikamenten, die tödliche Krankheiten heilen können, Erkenntnisse über unser Sonnensystem oder geeignete Möglichkeiten im Kampf gegen Terror und für Flüchtlinge – hier muss deutlich mehr Ausdauer investiert werden.

Geduld. Sie bedeutet, die Dinge auch mal zu ertragen. Geduldig sein heißt, einen Ist-Zustand lange auszuhalten, auch wenn er manchmal wehtut, weil er sich nur seeehr laaangsam verändert. Weil das eben die Realität ist. Geduldig sein zu müssen, kann uns in den Wahnsinn treiben. Dinge zu initiieren und dann untätig abzuwarten, zu schauen, ob etwas passiert – eine Fähigkeit, die auch als Tugend bezeichnet werden kann.

Dinge zu dulden, stellt einen auf Dauer nicht zufrieden. Häufig steht dieser Zustand mit unerfüllten Sehnsüchten in Verbindung. Besonnenheit und Sanftmut können vorübergehend helfen, aber strengen an. Ungeduld ist lauter und daher vielleicht ertragbarer, zumindest kurzzeitig. Der russische Schriftsteller Lew Tolstoi hatte Recht mit seinem Gedanken, Geduld und Zeit seien „die zwei mächtigsten Krieger“. Für das Gute, wenn auch oft gegen sein Gemüt. Wer duldet und damit Momente akzeptiert, dabei aber nicht resigniert und untätig wird, hat jedenfalls viel gewonnen.

Blöd nur, dass gewisser Fortschritt, vor allem technischer, kaum mehr lehrt, diese Eigenschaft im Umgang mit anderen zu entwickeln. Die dauerhafte Erreichbarkeit durch immer weiterwachsende Mobilität setzt viele unter Druck. Im Zeitalter von WhatsApp und Nachrichtenfütterung von überall und ständig gelingt es vielen immer seltener, auf Antworten von Freunden wie Kollegen zu warten. Sogar wenige Stunden ohne Reaktion können hier schon zu Verunsicherung führen. Weil der Gesprächspartner „doch eben noch online war“ oder „gerade bei Facebook auf ‚Gefällt mir‘ geklickt hat“. Dabei sollte sich nichts und niemand von der Wirklichkeit unnötig hetzen lassen. Alles zur richtigen Zeit, sagt man doch.

Wer ungeduldig ist, ist zudem streng – und zwar mit anderen und sich selbst. Bis zu einem gewissen Grad ist das okay, weil Strenge ja auch Kritik und Disziplin bedeutet, und durch diese Dinge kommt man immerhin voran. Doch wenn es sich zu etwas Dogmatischem entwickelt, beginnt man nur, andere und sich selbst zu bestrafen. Richtig kann man es eh nie machen. Und schnell genug kann es auch niemals gehen.

Millionen Menschen suchen in Yoga und Co. heute nach Achtsamkeit und Gelassenheit. Damit geht auch Geduld für sich und die Welt einher. Immer in Bewegung zu bleiben, ohne den Kern aus den Augen zu verlieren, das ist, worauf es ankommt. Und klar, irgendwann kann es trotzdem mal sein, dass bestimmte Wege ins Nichts führen, auch wenn man geduldig war. Dann aber sollte man einfach mild auf die vergangene Zeit blicken und die bisherige Entwicklung bejubeln.

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Adlershof Journal Januar/Februar 2017. Bild: © Adlershof Journal
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