Innovationen per Flour-Funk: Mensabegegnung führt zu brandschutzsicherem Kooperationsprojekt

26. Juni 2019

Innovationen per Flour-Funk

Mensabegegnung führt zu brandschutzsicherem Kooperationsprojekt

Erhard Kemnitz, Torsten Mehlhorn und Frank von Heyden im IGZ Adlershof © WISTA Management GmbH

Erhard Kemnitz, Torsten Mehlhorn und Frank von Heyden (v. l .n. r.) sind nicht nur Firmennachbarn, sondern jetzt auch Geschäftspartner. Bild: WISTA Management GmbH

Ein Querdenker, zwei Spezialisten und ein zufälliges Treffen in der Mensa. Mehr braucht es manchmal gar nicht, um potenziell lebensrettende Innovationen auf den Weg zu bringen. Eine Adlershofer Geschichte.

Sie arbeiten seit Jahren auf verschiedenen Stockwerken des Adlershofer Gründerzentrums (IGZ). Torsten Mehlhorn ist als Innovationsmanager der Stöbich technology GmbH darauf spezialisiert, neuen Technologien den Weg in den Markt zu ebnen. Er genießt die Freiheit, zu experimentieren und Neues zu wagen. Ein Stockwerk höher bauen Frank von Heyden und Prof. Erhard Kemnitz ihr Start-up nanofluor auf, dessen patentierte Sol-Gel-Synthese ein neues Material geschaffen hat: nanoskalige Metallfluoride. „Wir kannten einander bis vor einigen Monaten nicht“, erzählen die drei.

Geändert hat es sich durch ein zufälliges Treffen in der Mensa. Kemnitz war mit Prof. Wolfgang Rehak dort. „Ein echter Netzwerker, der sich für unsere nanofluor GmbH interessiert und oft Ideen für den Einsatz von Nanofluoriden hat“, berichtet er. Brandschutz war so eine Idee. Kemnitz nahm sie zuerst nicht allzu ernst. Die Zielmärkte sind andere. Entspiegelungsbeschichtungen für Brillen und Linsen, remineralisierende Zahncremes oder Klebstoff- und Lacksysteme, die durch Zusatz der Nanofluoride deutlich bessere mechanische und optische Eigenschaften bekommen. Das junge Unternehmen hat mehrere Eisen im Feuer und kooperiert mit Forschern und Entwicklern in aller Welt. „Die Wege in den Markt sind allerdings länger, als wir es bei der Gründung erwartet hatten“, sagt von Heyden. In technischen Abteilungen stoße Nanofluor regelmäßig auf Begeisterung. Doch um die Entscheider auf oberster Ebene zu überzeugen, brauche es einen langen Atem – und die richtigen Kontakte.

Rehak sah in der Mensa seinen Freund Torsten Mehlhorn. Der mache etwas mit Brandschutz, den könne man ansprechen. Umgehend brachte er die beiden Bekannten ins Gespräch. „Als ich hörte, dass Fluor um das Zweifache fester an Atomen anbindet als Sauerstoff, bin ich aufmerksam geworden“, erinnert sich Mehlhorn. Ein Material, das seinen Platz mit derartiger Übermacht gegen die drohende Oxygenierung, also Verbindung mit Sauerstoff, verteidigt, könne im Brandschutz ein Volltreffer sein.

Der Querdenker Rehak hat die Spezialisten zusammengebracht. Die kurzen Wege in Adlershof haben es ermöglicht, dass sie die Idee aufgriffen, ehe sie wieder einschlief. „Wir haben im nanofluor-Labor Stoffe und Brandschutztextilien mit unterschiedlichen Nanofluoriden benetzt und einfach mal den Bunsenbrenner draufgehalten“, berichtet Kemnitz. Das Ergebnis war überwältigend. Teilweise trotzten die Textilien der Flamme vier- bis fünfmal länger als Vergleichsmuster ohne Beschichtung. Weitere Tests unter Normbedingungen folgten, um den Proof of Concept zu erbringen. Auf Anhieb steigerte die Nanofluor-Beschichtung das Standvermögen spezieller Brandschutztextilien auf Glasfaserbasis um 50 Prozent.

„Ein T-120-zertifizierter Stoff muss Feuer 120 Minuten bei 1.200 Grad Celsius standhalten“, erläutert Mehlhorn. „Gelingt es uns, dies mit einer hauchdünnen Beschichtung auf 180 Minuten zu verlängern, wäre das ein großer Fortschritt.“ Textile Trennwände könnten im Ernstfall herabgelassen werden, um Messe- und Fabrikhallen, Konzertsäle oder Flughäfen vor einer schnellen Ausbreitung des Feuers zu schützen. Leichte, geräumige und dennoch brandsichere Architektur wird machbar. „Und dann geht es um Beschichtungen im Quadratkilometermaßstab“, sagt der Experte.

Aktuell laufen weitere Tests. Unter anderem wollen die Partner klären, ob sich Nanofluoride schon ins Basismaterial der Textilien einschleusen lassen, um die nachträgliche Beschichtung zu umgehen. „Noch läuft die Suche nach der optimalen Konfiguration. Aber wir sind auf einem sehr guten Weg“, sagt Kemnitz. Dass sie dabei fast Tür an Tür arbeiten können, sei ein Riesenvorteil – und typisch für Adlershof. Zuweilen hilft hier sogar der Fluor-Funk bei Innovationen.

Von Peter Trechow für Adlershof Journal

 

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