Von Algenteppich bis Zuckerimpfstoff: Biotech in Adlershof

03. Mai 2018

Von Algenteppich bis Zuckerimpfstoff: Biotech in Adlershof

JPT Peptide Technologies.  Bild: © Adlershof Journal

Bei der JPT Peptide Technologies werden Peptide für die Immuntherapieentwicklung homogenisiert. Bild: © Adlershof Journal

Die Biotechnologie in Deutschland erlebt derzeit einen Aufschwung. Allein 70 Biotechnologiefirmen mit über 800 Mitarbeitern haben ihren Sitz im Wissenschafts- und Technologiepark Adlershof. Die Kompetenzen reichen von der Grundlagenforschung bis zu fertigen Produkten und Technologien. Heidrun Terytze, Leiterin des Adlershofer Zentrums für Biotechnologie und Umwelt, erklärt: „Die weiße Biotechnologie steht für die Industrie, die rote für die Medizin und die grüne für die Landwirtschaft. Wir haben hier Vertreter aus allen Gebieten. Daraus ergeben sich einzigartige Möglichkeiten interdisziplinärer Kooperation.“

Die Entwicklung neuer Medikamente und Diagnostikverfahren ist ohne Biotechnologie gar nicht mehr denkbar. Beispiele sind die JPT Peptide Technologies, Vaxxilon Deutschland und diamond inventics. Sie gehören zur roten Biotechnologie. diamond inventics hat ein „Labor im Scheckkartenformat“ entwickelt. Mit dem Chipsystem können krankmachende Mikroorganismen in Wasserproben direkt vor Ort in Echtzeit nachgewiesen werden. Vaxxilon forscht an einem ganz süßen Schutz vor Erregern: Das Unternehmen entwickelt Impfstoffe auf Zuckerbasis. Tom Monroe, CEO der Vaxxilon AG: „Wir machen derzeit weitere Fortschritte auf dem Weg der Entwicklung halb- und vollsynthetischer Kohlenhydratimpfstoffe.“ Das ist wichtig, denn entscheidend sind bestimmte Teile der bakteriellen Zellhülle, die aus Kohlenhydraten, hauptsächlich Zuckern, bestehen. Wenn diese Kohlenhydrate dann künstlich hergestellt werden können, muss man keine Erreger mehr züchten, um die Stoffe aus deren Zellhülle zu isolieren.

Die Wirkung fertig entwickelter Impfstoffe wird von der Firma JPT Peptide Technologies getestet. Das Unternehmen ist spezialisiert auf Peptide. Diese Bruchstücke von Proteinen, die sich aus Aminosäuren künstlich herstellen lassen, helfen – auf einem Biochip zusammengefasst – bei der Analyse der Wirkstoffe. Die Adlershofer arbeiten derzeit mit mehreren Partnern und Kunden daran, die Möglichkeiten von Peptiden in verschiedenen personalisierten Immuntherapieansätzen zu untersuchen. Neben Peptidvakzinierungen werden Zell-basierte Verfahren, wie der adoptive Zelltransfer und die Verwendung sogenannter Peptid-gepulster dentritischer Zellen evaluiert. Geschäftsführer Holger Wenschuh: „Den individualisierten Therapiekonzepten ist gemein, dass sie alle JPTs maßgeschneiderte Peptidpräparationen für die Entwicklung der Behandlungskonzepte und das Monitoring des Therapieerfolges benötigen. Wir arbeiten hier mit den führenden Pharma- und Biotechfirmen weltweit zusammen und planen die Errichtung eines eigenen Gebäudes in Adlershof.“

Für die weiße Biotechnologie stehen stellvertretend in Adlershof die Biopract GmbH und die Versuchsanstalt der Hefeindustrie. Bei Letzterer verrät schon der Name das Programm: Hier wird der Treibstoff des Bäckerhandwerks ständig analysiert und optimiert. Geschäftsführer Michael Quantz: „Gerade haben wir ein Projekt abgeschlossen. Heraus kam, dass auch auf Basis von Ethanol der Hefefermentationsprozess gesteuert werden kann. Das bringt gegenüber etablierten Modellen zur Backhefeproduktion mehr Prozessstabilität und Zeitersparnis.“

Enzyme heißt das Zauberwort bei Biopract. „Wir helfen, tierische landwirtschaftliche Produkte und deren Ökobilanz zu verbessern. Mit unserer Neugründung Biopract ABT GmbH beliefern wir die landwirtschaftliche Biogasproduktion mit enzymbasierten Prozessbeschleunigern und tragen dazu bei, die Kostenbilanz erneuerbarer Energien zu verbessern“, so der Biopract-Chef Matthias Gerhardt.

Die Firma Solaga steht wiederum als ganz junges Adlershofer Unternehmen für grüne Biotechnologie. Gründer und Geschäftsführer Benjamin Herzog erzählt: „Wir entwickeln derzeit Geräte mit Algenteppichen darin. Diese können die Luft in geschlossenen Räumen, aber auch in ganzen Städten recyceln. Die Algen filtern Stickstoffdioxid, Kohlendioxide, Feinstaub und Schwefeldioxid aus der Luft. Verbrauchte Büroluft kann bereits von Glaskästen so groß wie ein normales Bild gereinigt werden. Auf den Straßen könnten es ganze Häuserwände sein, die dann zum Beispiel die Belastung von Dieselfahrzeugen ausgleichen.

Aber Herzog und sein Geschäftspartner Bauerfeind tüfteln noch an viel größeren Projekten. Algen könnten alternative Energielieferanten werden. Sie geben organische Stoffe ab, aus denen Biogas gewonnen werden kann. Das Gas ist brennbar und kann zum Heizen genutzt werden. Auf diese Weise könnten ganze Wohnsiedlungen in Multimodulen ihre Energie selbst erzeugen. Der riesige Vorteil gegenüber Solarenergie: Gas ist besser speicherbar als Strom. Mikroorganismen als molekulare Kraftwerke zu nutzen ist eine so gute Idee, weil auf den Feldern keine Monokulturen angebaut und zur Energiegewinnung aufwendig vergoren oder chemisch umgewandelt werden müssen. Außerdem kann das Biogas direkt beim Verbraucher gewonnen und gespeichert werden, so dass kein energieintensiver Transport notwendig ist.

Von Kathrin Reisinger für Adlershof Journal

www.adlershof.de/bio/

www.biopract.de
www.diamondinventics.de
www.jpt.com
www.solaga.de
www.vaxxilon.com
www.vh-berlin.org