Auszeichnung für Mathematikdidaktikerin
Dr. Swetlana Nordheimer erhält den Humboldt-Preis für gute Lehre
Für ihre Vorlesung „Algebra/Zahlentheorie und ihre Didaktik mit Berücksichtigung von Gebärdensprachen“ erhält Dr. Swetlana Nordheimer den Preis für gute Lehre der HU. Der Preis wurde für das Thema „Chancengerechtes Lehren und Lernen“ vergeben.
Die Neugier für Gebärdensprachen wurde bei Dr. Swetlana Nordheimer durch das Fernsehprogramm ihrer Kindheit geweckt. „In Kasachstan gehörte Gebärdensprache einfach dazu, genauso wie das Russische oder Kasachische. Wir Kinder waren davon fasziniert und haben versucht, es den Gebärdenden nachzumachen“, erinnert sie sich. Heute lernt sie selbst Gebärdensprachen und erforscht Gebärdenmathematik. Es ist ihr ein Herzensanliegen, dass diese Sprache in der Lehre und Forschung mehr Raum gewinnt und dadurch vielen Menschen an Schulen und Universitäten Welten eröffnet werden, die ihnen sonst verschlossen bleiben würden. Ihr Engagement in diesem Bereich wurde jetzt mit dem Humboldt-Preis für gute Lehre für das Thema „Chancengerechtes Lehren und Lernen“ ausgezeichnet. Der Preis wurde ihr auf dem „Humboldt Tag für Lehre“ am 24. Juni im Senatssaal des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität feierlich verliehen.
60 Studierende erhalten Einblick in Gebärden-Mathematik
Ihre ausgezeichnete Vorlesung mit Übung „Algebra/Zahlentheorie und ihre Didaktik mit Berücksichtigung von Gebärdensprachen“ am Institut für Mathematik der HU richtete sich an Lehramts-Studierende für Gymnasien und Sekundarschulen. „Es ging um die Fachdidaktik der Algebra und Zahlentheorie, wie sie sich traditionell hauptsächlich für Lernende etabliert hat, die Gebärdensprachen nicht beherrschen“, erklärt Nordheimer. „Zusätzlich habe ich neue Erkenntnisse aus der Theorie und Praxis der Sonderpädagogik sowie MINT-Didaktiken in Gebärdensprachen integriert.“ Durch die Lehrmaterialien in Deutscher Gebärdensprache (DGS) haben die rund 60 Studierenden einen Einblick in die Praxis des gebärdensprachlichen Unterrichts und aktuelle Entwicklungen der fachdidaktischen Forschung in Gebärdensprachen erhalten. Die Studierenden haben beispielsweise auch eigene, neue dreidimensionale geometrische Visualisierungen eingebracht. Sie wurden außerdem ermuntert, auch ihre eigenen Herkunftsgebärdensprachen in die Übungsformate einzusetzen. „Da es sich um erste Versuche der Integration von Gebärdensprachen in die Fachdidaktik handelte, waren die Inhalte nicht prüfungsrelevant, den Studierenden war freigestellt, wie intensiv sie sich mit den Aspekten der gebärdensprachlichen Didaktik befassen wollten“, betont sie. In den Nominierungen der Studierenden findet sich Stimmen wie diese: „Es wurde jeder mit einbezogen. Jeder hatte bei ihr gleich viel Geduld bei Fragen bekommen, schwächere Studenten hatte sie mit mehr Hilfe umsorgt und stärkere mehr gefördert.”
Von Novosibirsk nach Berlin
Swetlana Nordheimer war in ihrer Kindheit nicht nur von der Russischen Gebärdensprache fasziniert, sondern auch von der Mathematik. Als Tochter eines ausgezeichneten Mathematiklehrers kam sie früh mit der Welt der Zahlen in Berührung, nahm an Mathematik-Olympiaden teil und besuchte für zwei Jahre eine Spezialschule für Physik und Mathematik in Akademgorodok, der russischen Wissenschaftsstadt in Novosibirsk. „Dort wurden wir junge Menschen von den Forschenden auf Augenhöhe behandelt“, erinnert sie sich. Das Thema Begabtenförderung gehört heute auch zu ihren Forschungsschwerpunkten. Sie engagiert sich in der Mathematischen-Schülergesellschaft der HU, im Bonner Matheclub und in der Berliner Mathe AG. Sie war 2022 an der Entwicklung des ersten Mathe-Adventskalenders in Deutscher Gebärdensprache beteiligt. Die dafür entwickelten Aufgaben sind teilweise in mathematische Lehrmaterialien in Gebärdensprachen geflossen.
Respekt für Gebärdensprache
Ihr eigenes Studium der Mathematik an der Universität in Novosibirsk unterbrach Nordheimer nach dem ersten Semester: Die deutschstämmige Familie beschloss Mitte der 1990er Jahre nach Deutschland auszuwandern. Ihr beruflicher Weg danach ist eng mit der Humboldt-Universität verbunden. Hier studierte sie Mathematik, Blinden- und Gehörlosenpädagogik auf Lehramt, begann theoretische Grundlagen der Fachdidaktik mit Gehörlosenpädagogik zu verbinden. „Leider konnte ich damals, Anfang der 2000er Jahre, die Deutsche Gebärdensprache nicht wirklich an der Humboldt-Universität studieren, aber ich habe schon damals gelernt, diese Sprache zu respektieren“, erinnert sie sich. Unter anderem durch den späteren Kontakt zu Olga Pollex und Tino Sell, die Mathematik und Gebärdensprachpädagogik an der HU studiert haben und mit denen sie zusammenarbeitet, hat sie sich entschieden, sich mit Gebärden-Mathematik und insbesondere Gebärden-Geometrie zu beschäftigen.
Mit der Humboldt-Universität verbindet Nordheimer Exzellenz in der Lehre und Forschung und Wertschätzung, die sie als Studentin und später als wissenschaftliche Mitarbeiterin an den Instituten für Erziehungswissenschaften, Mathematik und Rehabilitationswissenschaften erfahren hat. Am Institut für Mathematik hat sie bei den Mathematik-Didaktikern Prof. Dr. Wolfgang Schulz und Prof. Dr. Andreas Filler zu Vernetzungen zwischen Geometrie, Algebra und Stochastik promoviert. „Andreas Filler war es auch, der mir die Chance gegeben hat, sein erprobtes Vorlesungskonzept im Sommersemester 2025 mit neuen gebärdesprachlichen Inhalten zu kombinieren.“
Studierende besuchen Konferenz in Gebärdensprachen
„Das alles wäre ohne die Unterstützung von Prof. Dr. Christian Rathmann und Gabriele Unterhitzenberger von der Abteilung Deaf Studies und Gebärdensprachdolmetschen der HU nicht möglich gewesen. Ich habe viel von ihnen gelernt und dort Veranstaltungen zur Linguistik der Gebärdensprachen gehört.“ Nordheimer und auch ihre Studierenden waren zur Abschlusskonferenz des EU-Projektes „MINT-Unterricht in Gebärdensprachen“, STEMSiL, eingeladen, an dem die Nachwuchswissenschaftlerin mitarbeitete und das von Prof. Dr. Rathmann geleitet wurde. „Die Studierenden konnten wissenschaftliche Vorträge aus der gebärdensprachlichen didaktischen Forschung und Beiträge aus der Praxis des MINT-Unterrichts in Gebärdensprachen sehen und hören“, erklärt Nordheimer. Auf dem Kongress konnten die zukünftige Mathematiklehrkräfte außerdem angehende Gebärdensprachdolmetschende treffen und kennenlernen. „Das ist für Lehramtsstudierende im Hinblick auf ihren eigenen späteren Unterricht sehr wichtig, weil sie dann mit Dolmetschenden zusammenarbeiten werden.“
Nordheimer lehrte selbst zeitweise an verschiedenen Schulen, in Berlin an der Ellen-Key-Schule, wo sie ihr deutsches Abitur nachgemacht hat, und an der Margarethe-von-Witzleben-Schule, die einen sonderpädagogischen Förderschwerpunkt „Hören und Kommunikation“ hat. „Dort habe ich im Mathematikunterricht zusammen mit Gebärdensprachdolmetschenden gearbeitet.“ Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass es in dem Bereich noch viel Handlungsbedarf in der Forschung und Ausbildung der Lehrenden und Dolmetschenden gibt.
Swetlana Nordheimer möchte auch weiterhin Gebärdensprachen lernen, sich auch zukünftig für mehr Gerechtigkeit in Bildung und Wissenschaft durch Gebärdensprachen einsetzen und freut sich über wissenschaftlichen Austausch. Sie können Sie unter Swetlana.Nordheimer@hu-berlin.de erreichen.
Preis für gute Lehre der Humboldt-Universität
Der „Preis für gute Lehre der Humboldt-Universität“ honoriert jedes Jahr erfolgreiche und innovative Lehrende und Lehrkonzepte, die im Rahmen der regulären Lehre an der Humboldt-Universität zu Berlin umgesetzt wurden. Dabei lenken wechselnde Schwerpunkte den Blick auf unterschiedliche Aspekte guter Lehre und regen so zu einer umfassenden Diskussion an. Vorschlagsberechtigt sind alle Mitglieder der HU. Auch Fachschaften und Institute können nominieren. Im akademischen Jahr 2025/2026 ist „Chancengerechtes Lehren und Lernen“ das Thema des Lehrpreises.
Kontakt:
Dr. Swetlana Nordheimer
Institut für Mathematik der Humboldt-Universität zu Berlin
+49 30 2093-45362
swetlana.nordheimer(at)hu-berlin.de
www.mathematik.hu-berlin.de
Autorin: Ljiljana Nikolic / HU Berlin
