Talk unter Hochdruck
Wie das ARD-Erfolgsformat „maischberger" im Studio.Berlin in Adlershof entsteht
Seit 2003 ist Moderatorin Sandra Maischberger mit ihrem gleichnamigen Polittalk (dienstags, mittwochs, manchmal zusätzlich montags, 22:50 Uhr, ARD) mit über einer Million Zuschauer:innen eine feste Größe im deutschen Fernsehen. „Maischberger“ ist eine Gemeinschaftsproduktion der ARD, hergestellt vom WDR in Zusammenarbeit mit Vincent productions GmbH. Die Gesamtverantwortung für die Sendung liegt bei der WDR-Leiterin Elke Maar, die alle Abläufe der gesamten Sendeherstellung final abnimmt. In der Regel wird die Sendung am Ausstrahlungstag im Studio C von Studio.Berlin „live on Tape“ aufgezeichnet und ein paar Stunden später ohne Nachbearbeitung gesendet. Um topaktuell zu sein, geht das Team bei entsprechender Nachrichtenlage direkt auf Sendung.
Pro Produktion ist jeweils ein:e Chef:in vom Dienst (CvD) zuständig. Im „maischberger“-Team gibt es drei CvDs, die im Rotationsprinzip wechseln und durch die jeweilige Sendung dirigieren. Das Adlershof Journal durfte Stefanie von Drathen begleiten, die für die Sendung vom 1. September 2026 verantwortlich war.
Die Vorbereitung für den Wochentalk ist das A und O: „Wir überlegen gemeinsam: Was sind die relevanten Themen und wer steht für ein bestimmtes Thema? Die Koalition ist kurz vor dem Platzen? Dann brauchen wir jemanden aus der Koalition. Wird die Rente mit 63 zurückgeschraubt? Dann kommt am besten die oder der Bundesminister:in für Arbeit und Soziales. Maischberger ist in alle Prozesse involviert.“ Bei der Vorbereitung gilt: Je früher, desto besser. Mitglieder der Bundesregierung sind dauerhaft angefragt.
Jede Sendung besteht aus einem Kommentatorenpanel und Podiumsgästen. Am 1. September diskutierten die Kommentator:innen Markus Preiß, Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, ZDF-Journalistin Nicole Diekmann und Ijoma Mangold, Kulturkorrespondent der ZEIT. Die Positionierungen der Panelgäste hatte die Redaktion zuvor in ausführlichen Vorgesprächen ergründet, bei denen allen die gleichen Fragen gestellt wurden. Die Zusammensetzung der Gäste soll möglichst verschiedene Perspektiven abbilden, erklärt von Drathen: „Diekmann und Mangold sind Gegenpole. Sie warnt vor der AfD, er toleriert die Wahl als demokratischen Meinungsbeschluss. Preiß fungiert als Erklärer, der die Diskussion auch regierungspolitisch einordnen kann.“
Auf dem Podium sitzen Sigmar Gabriel (SPD) in seiner Funktion als ehemaliger Bundesaußenminister für ein Solo-Gespräch, sowie im Streitgespräch die ehemalige Grünen-Parteivorsitzende Ricarda Lang mit Journalist und Autor Ulf Poschardt. Sie diskutieren über die Themen Energiepolitik, Brandmauer und Migration. Ihr Schlagabtausch ist gewollt. Um herauszufinden, wo die Konfliktlinien zwischen den beiden liegen, wurden auch hier genaue Gästeprofile erstellt. Für jeden Gast recherchiert eine Redakteurin oder ein Redakteur etwa eine Woche lang. Das sei so üblich, erklärt von Drathen: „Alles wird gesichtet, gehört und gelesen. Vielleicht hat jemand ein Buch oder einen Podcast herausgebracht. Was steht auf dem Instagram-Account?“ Spätestens am Wochenende vor der jeweiligen Sendung liegen Maischberger alle Gästedossiers mit Kurzbiographie, Porträt, Artikel und Thesenpapier vor.
Bis zu den Themenkonferenzen am Sonntag und Montag hat Maischberger alle Unterlagen mit eigenen Notizen versehen. Dann wird in einer gemeinsamen Sitzung in den Räumen von Vincent productions im Prenzlauer Berg diskutiert; das Fragekonzept der Redaktion und das von Maischberger übereinandergelegt. Ihre Interviewfragen resultieren jeweils aus einer prognostizierten Antwort. Auf den Moderationskarten stehen die verfügbaren Sendeminuten für die einzelnen Themenblöcke.
Ist die Sitzung beendet, springt das Team ins Auto und fährt nach Adlershof, wo alle für die Sendung benötigten Videoeinspieler, Texttafeln und Fotos abgeglichen werden. Außerdem wichtig: Gibt es Breaking News oder eine wichtige Pressekonferenz vor der Sendung? Noch am Sendungstag produziert das Team einen aktuellen Einspieler, in dem Bundesinnenminister Alexander Dobrindt die hybriden Angriffe Russlands auf den Leipziger Flughafen kommentiert. All das passiert in Abstimmung mit von Drathen und Maar. Da eine MAZ (Magnetaufzeichnung) im Ton noch nicht perfekt ist, geht die Chefin vom Dienst selbst in die Sprecherkabine. Dann ist auch diese fertig. Es ist 20:00 Uhr und die Aufzeichnung geht los. Nun ist Sandra Maischberger ganz auf sich allein gestellt – mit einem Knopf im Ohr, falls doch etwas Unerwartetes passiert.
Susanne Gietl für Adlershof Journal

