Tier im toten Winkel
Essay des Berliner Schriftstellers Paul Bokowski
Ich habe dieses Haustier. Es lebt mit mir. Es ist eine wunderliche Kreatur, die tagsüber neben meinem Schreibtisch hockt und mich anstarrt, mit einer Ausdauer, die mich zuweilen neidisch macht. Bettelnd blickt es mich an und wartet darauf, dass ich mich ihm widme. Ein gescheites Tier, das von der Seite auf meinen Bildschirm linst und auf die Tastatur. Und wenn der Cursor sich nicht rührt und die Buchstaben nicht klackern, dann wagt es sich heran, fasst mit den Zähnen zärtlich meinen Ärmel und zieht mich fort vom Rechner in die Spielerei.
Es hat auch einen Sinn für Zeit, mein Tier. Besonders dann, wenn sie verrinnt. Als wären Zeit und Tier verbandelt. Als hätten sie sich gegen mich verbrüdert. Dann schleicht es sich heran, lockt mich fort oder fängt mich ab, wenn ich mich kurz von dem entferne, was dringlichst erledigt werden muss. Es kann die Uhr und es kann machen, dass ich sie vergesse. Es tollt mit mir und rauft und balgt, so lange, bis ich aufschrecke und mir bewusst wird, dass es längst schon Abend ist. Und ich eile an den Rechner und ich stelle fest, die Arbeit hat sich fortgepflanzt, sie hat gewuchert. Und zu den E-Mails, Texten, Rechnungen, die ich längst hätte schreiben müssen, gesellen sich: Entschuldigungen und Vertröstungen, die ich notgedrungen formuliere.
Und trotzdem: Viele neiden mir mein Tier. Ich weiß, warum. Ich bin sehr dankbar, es zu haben. Alles, was mir im Leben gut gelungen ist, ich hätte es allein geschafft, aber mit ihm an meiner Seite ging es leichter von der Hand. Viele, die ich treffe, die ich kennenlerne, beteuern mir, als Kinder hätten sie auch eines gehabt. So ein Tier, wie ich es habe. Genau so eines. Sie loben es und sagen mir, wie glücklich ich mich schätzen solle, es mir bewahrt zu haben. Und sie schauen so verklärt darauf und werden derart melancholisch, dass sie nicht hören, wenn ich ihnen sage: So ein Tier wie dieses ist auch eine Bürde. Niemals hält es Maß und um nichts schert es sich. Und dass es sich auch gern heranwagt, genau dann, wenn sich der Cursor einmal rührt. Dass es erst recht nach meinem Ärmel fasst, wenn die Tasten auf dem Keyboard endlich klackern. Dass es derart an mir zerrt, dass ich mich wehren muss und weit öfter, als mir lieb ist, unterliege.
Ich sage ihnen: Dieses Tier hat seine Launen. Dass es kommt und sich verkriecht wie die Gezeiten. Aber weniger verlässlich. Dass es einen Rhythmus hat, den niemand ganz durchschaut. Dass es manchmal, wenn ich es dringend brauche, unauffindbar ist. Dass ich durch meine Wohnung stromern muss, in jede Ecke schauen, jede Nische, jeden hinterletzten Winkel auskundschaften, doch immerzu entwischt es mir. Dass man es an den unwegsamsten Stellen suchen sollte und an den offensichtlichsten. Dass man bereit zu sein hat, durch Berge von Notizen zu blättern, durch Regale voller Bücher, durch ganze Büchereien, durch Skizzen, Alben, Galerien und nicht verzweifeln darf, selbst dann nicht, wenn man niemals fündig wird. Dass man nie vergessen darf, auch immerzu im allerletzten Absatz nachzuschauen. Nicht einmal, sondern immer wieder. Und was man auch versuchen sollte, auch wenn die Zeit es einem eigentlich versagt: brüten, schmoren und darüber schlafen. Die Hoffnung aushalten, dass es von alleine wiederkehrt. Es könnte auf der Zunge liegen, im toten Winkel, auf dem blinden Fleck. Es könnte morgen sitzen, wo es heute nicht saß. Ich habe dieses Haustier. Es lebt mit mir. Es ist eine unfassbare Kreatur.
Paul Bokowski lebt und arbeitet in Berlin. Sein Roman „Schlesenburg“ erscheint aktuell in dritter Auflage als Taschenbuch im btb Verlag.
