Acht Milliarden Weltmächte und Ich: Über das Verhältnis von Gemeinschaft und Individuum: Essay von Nora Lessing, Wissenschaftsautorin aus Berlin

28. August 2020

Acht Milliarden Weltmächte und Ich: Über das Verhältnis von Gemeinschaft und Individuum

Essay von Nora Lessing, Wissenschaftsautorin aus Berlin

Illustration: Dorothee Mahnkopf © WISTA Management GmbH

Illustration: Dorothee Mahnkopf. © WISTA Management GmbH

Wir nennen ihn den Joker. Allabendlich braust er, den froschgrünen Sportwagen lässig mit einer Hand steuernd, an unserem Haus vorbei, umrundet den Block, lenkt Wagen und Geschicke: Joker von links, du bringst den Müll raus; Joker von rechts, my turn. Wenn der Joker nicht kreist, so fläzt er bei laufendem Motor im Fahrersitz und crusht Candy. Man muss ihn nicht sehen, um zu wissen, dass er da ist. Wenn er den Motor anlässt, machen sich die Fensterscheiben selbstständig, klappern die Tassen im Küchenschrank. Manchmal geht das eine halbe Stunde lang so, manchmal nur ein paar Minuten. Dann macht der Joker den Motor aus und schlurft nach Hause, mutmaßlich mental gestärkt vom wohligen Gedröhne seiner blechernen Raubtierattrappe.

Würde der Joker für ein Amt kandidieren, sein Wahlspruch wäre wohl: „Joker first!“ Was genau ihn antreibt – Gedankenlosigkeit, eine eher spezielle Vorstellung innerer Einkehr, das Bedürfnis, andere seiner Existenz zu versichern –, ist nicht bekannt. Ebenso wenig, ob der Joker aus der internationalen Autofahrergemeinschaft austreten, andere Autofahrer via Mauerbau von seinem Kiez fernhalten oder neuartige Kraftstoffe allein für seinen Bedarf entwickelt sehen will. Und auch wie unsere 15.000 Nachbarn das nächtliche Schaudröhnen aufnehmen, entzieht sich meiner Kenntnis. Dabei wäre es überaus aufschlussreich zu wissen, was ihnen beim Anblick des quietschgrünen Gefährts und dessen Ballonseide zuneigenden Besitzers durch den Kopf geht. Blicken sie neid- und sehnsuchtsvoll herab, legen Sportwagen-Sparkonten an? Sinnen sie auf Rache, fantasieren von Führerscheinentzug? Würden sie ihm ein noch größeres Gefährt finanzieren, solange die Kotflügel in Neukölln produziert werden?

Wenn wackelnde Scheibe auf Anspannung trifft – etwa, weil ich beauftragt bin, eine Glosse über das Verhältnis von Gemeinschaft und Individuum zu schreiben und die Deadline näher rückt –, grolle ich meiner unterentwickelten Eierwurftechnik. An anderen Tagen schaue ich dem Joker zu und wälze das innere Wörterbuch: Freiheit, Toleranz, Erfolg. Angesichts der olympischen Disziplinen des 21. Jahrhunderts – Dreikampf um die meisten Follower, den größten Jet, die mächtigste Nation – könnte man meinen, Erfolg sei synonym mit: „Gegen die anderen“ und „Lauter als sie“. Ich raffe an mich, also bin ich? Gewonnen hat dann am Ende diejenige Gasmaskenträgerin, die als letzte in einer gigantischen Abgasschleuder ihre Runden auf einem überhitzten Wüstenplaneten dreht. Ob sie dabei laut „Freiheit!“ ruft und Selfies ins entvölkerte Netz postet, ist nicht überliefert. Nur, dass die Preisverleihung ausfällt.

Dass die anderen die Hölle sind, das kann man sich natürlich täglich problemlos einreden – angesichts nicht enden wollender Meetings zum Beispiel („Ich wollte nochmal dasselbe sagen wie er, nur etwas komplizierter!“) oder beim Anbaden am überfüllten Ostseestrand. Dass ohne diese anderen keine schlaglochdurchsetzte Straße zum Strand führte, es keinen klapprigen Strandkorb gäbe und auch niemanden, über dessen abstruse Fahrmanöver man sich – bestenfalls: gemeinsam – lustvoll aufregen kann, gerät etwas leichter aus dem Blick. Ebenso die einfache, aber folgenschwere Tatsache, dass ICH, Weltmacht mit drei Buchstaben, umringt bin von acht Milliarden anderen Weltmächten mit Führungsanspruch. Wenn alle Tickets für den Übertönungswettkampf lösen, sitzt am Ende jeder allein in seinem Wagen, den röhrenden Motor voll aufgedreht. Womöglich mit Gasmaske.

Kürzlich ist der Joker von froschgrün auf batmanschwarz umgestiegen. Matt schillert das nagelneue Ungetüm, parkt ausgerechnet vor der Kirche. Knarzend kommt mein Fahrrad zum Stehen, ich betrachte die raumgreifende Stickoxidschleuder. Kein Strafzettel klemmt unter der Windschutzscheibe, wir Nachbarn schweigen uns aus. Es scheint, als sei der Schurke zum Helden aufgestiegen. Ob der Joker weiß, dass die von ihm so gern beraste Fahrradstraße nächstes Jahr ausgebaut wird, mit Quer- und Diagonalsperren?

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