Das persönliche Gespräch zählt: Hat der Marktplatz Messe ausgedient?

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10. Juli 2018

Das persönliche Gespräch zählt

Hat der Marktplatz Messe ausgedient?

Hannover Messe. Bild: BAM

BAM-Messestand auf der Hannover Messe. © Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM)

Sind Messen noch zeitgemäß? Ein paar Klicks im Internet liefern Informationen in Hülle und Fülle – kostengünstiger, umfassender und schneller. Kontaktdaten inklusive. Noch allerdings sind Adlershofer Unternehmen und Institute auf Messen präsent – und wollen es nicht missen.

An der Wand locken die Weiten des Weltalls: Vor Myriaden von Sternen schwebt ein Mensch und arbeitet, gut geschützt durch seinen weißen Raumanzug. Vor diesem Bild surrt ein Exponat: 3D-Druck für die Schwerelosigkeit. Mit dieser Spezialtechnologie lassen sich Ersatzteile und Werkzeuge im Weltraum on demand herstellen.

Dieses Setting war der Eye-Catcher, mit dem sich die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) auf der diesjährigen Hannover Messe präsentierte. Der Weltraum – das perfekte Ambiente für die Mission der BAM: „Sicherheit in Technik und Chemie“. Weitere Highlights unter dem Dach des BAM-Stands: Biobeton aus nachwachsenden Rohstoffen und Phosphor-Rückgewinnung aus Klärschlamm für neuen Dünger.

„Damit wollen wir als Forschungseinrichtung einem internationalen Publikum zeigen: Wir sind Teil der ‚Made-in-Germany‘- DNA“, sagt Venio Quinque, Leiter der Unternehmenskommunikation der BAM. Die BAM als Marke stärken, Kontakte pflegen und neue Kontakte gewinnen, sei Messeziel. Das Schöne dabei: Man trifft auch Leute, mit denen man nicht gerechnet hat. Junge Architekturbüros etwa, die auf der Suche nach neuen Materialien fasziniert an den Gussteilen aus Biobeton und seinen ausgestellten Zutaten Maniok, Reisschalen und Kokosfasern hängen bleiben.

Neben den Möglichkeiten, die Digitales in Form von Filmen, Präsentationen, Animationen auch auf dem Messestand bietet, sind die klassischen Exponate nach wie vor unverzichtbar. Mit ihnen lassen sich Prozesse zeigen und Produkte anfassen – haptische Erlebnisse kann das Internet nicht bieten.

„Noch wichtiger sind aber die Menschen, die am Stand stehen“, sagt Quinque. „Menschen möchten mit Menschen agieren, die Leidenschaft des Gegenübers spüren oder die eigene transportieren.“ Und das auf allen Ebenen. Es gilt Experten ebenso anzusprechen wie Manager oder interessierte Laien. „Messe ist und bleibt ein wichtiges Format, muss sich aber ständig weiterentwickeln“, glaubt Quinque. Seine Erfahrung: Die Besucher haben immer weniger Zeit, aber dank der vielfältigen Informationsmöglichkeiten kommen sie auch viel besser vorbereitet an die Messestände. Nicht zu unterschätzen sei der Effekt eines Messeauftritts auch für die eigenen Leute: „Unsere Wissenschaftler sehen, dass Interesse für ihre Forschung da ist, aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Das ist ein schönes Feedback und motiviert.“

Von solch positiver Rückmeldung lässt sich auch Heinz Kieburg beflügeln. Er ist Geschäftsführer der Laser-Mikrotechnologie Dr. Kieburg. Das 14-Mann-Unternehmen stellt lasertechnische Spezialausrüstungen her, zum Beispiel Ampullen-Trenneinrichtungen für die Pharmaindustrie. Es sind Unikate hauptsächlich für Kunden aus dem Maschinenbau. Großkonzerne wie Siemens sind ebenso darunter wie Mittelständler. „Wir arbeiten in einer Nische und gehen auf Messen, um bekannt zu bleiben und zu werden“, betont Kieburg. Für kleine Unternehmen ist der Messebesuch auch ein finanzieller Faktor – deshalb stellt Kieburg auf einem Gemeinschaftsstand mit einem Wismarer Netzwerk aus, unter dem Label „Sondermaschinen“ und gefördert vom Bund. Das habe sich seit Jahren bewährt und sei auch immer attraktiver gestaltet worden. Kieburg schätzt die Möglichkeit, vor dem zunehmend internationalen Publikum und Wettbewerberfeld – viele aus China – seine Hightechgeräte und -komponenten anhand von Exponaten präsentieren zu können. „Und es ist auch wichtig zu sehen, was die anderen machen.“

Früher haben Händler Waren ausgelegt, die die Bürger kaufen konnten. Heute ist B2B wichtiger, die Kommunikation von Business-to-Business. In vielen Branchen laute das Konzept mittlerweile: Kommunikationsräume schaffen statt Waren aufstapeln, sagt Karl Michael Casper von Runze & Casper. Die Berliner Agentur konzipiert Messestände für Immobilienmessen in Cannes (MIPIM) und München (Exporeal) aus den Ländern Berlin und Brandenburg, an denen sich auch Adlershof beteiligt. Hier liegt der thematische Fokus von Runze & Casper. Immobilienmessen sind der ideale Ort, um die vielfältigen Marktteilnehmer in dieser Branche zusammenzubringen – von den Banken über die Projektentwickler, die Liegenschaftsanbieter und Transaktionsjuristen bis zur Politik. „Auf dem Stand müssen wir Raum schaffen für Präsentationen, Besprechungen und Rückzugsräume“, skizziert Casper die Herausforderung. „In der Immobilienbranche ist man es gewohnt, hart zu rechnen, da wird kein Geld für etwas ausgegeben, das sich nicht lohnt.“ Die Besucherzahlen der wichtigsten Immobilienmessen steigen. Es scheint, als zähle das persönliche Gespräch in Zeiten von Internet mehr denn je, egal in welcher Branche.

Von Uta Deffke für Adlershof Journal

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