Der Weg zu einem echten Gesundheitssystem: Essay von Dr. Paul Hammer, Gründer der BIOMES NGS GmbH

12. Mai 2022

Der Weg zu einem echten Gesundheitssystem

Essay von Dr. Paul Hammer, Gründer der BIOMES NGS GmbH

Mann mit Smartwatch. Illustration: D. Mahnkopf © WISTA Management GmbH

Illustration: D. Mahnkopf © WISTA Management GmbH

Deutschland hat bei einer Studie der britischen Jobagentur für medizinische Berufe unter 24 OECD-Staaten (Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit) zur Bewertung des nationalen Gesundheitssystems den zweiten Platz hinter Japan belegt (Quelle: www.bdae.com). Dabei sind Faktoren betrachtet worden wie der prozentuale Anteil vom Bruttosozialprodukt, der für den Gesundheitssektor ausgegeben wird, die Anzahl von Krankenhausbetten, Ärzt:innen und Pflegepersonal sowie die durchschnittliche Lebenserwartung in den Ländern. Mit mehr als 400 Milliarden Euro – einem Anteil von 11,3 Prozent vom Bruttosozialprodukt – liegt Deutschland vor Japan (10,7 Prozent) und wird nur von der Schweiz (12,3 Prozent) übertroffen.

Aber leben wir in Deutschland wirklich in einem der besten Gesundheitssysteme der Welt?

Unser Gesundheitssystem ist fast ausschließlich auf die Behandlung von Krankheiten ausgerichtet anstatt auf die Aufrechterhaltung der Gesundheit. Meines Erachtens sollten wir hier grundlegend anders denken und agieren. Wenn wir es schaffen, eine gesunde personalisierte Lebensweise zu fördern und somit präventiv die Gesundheit des Menschen zu stärken, werden wir auf vielen Ebenen positive Effekte bewirken.

Um die personalisierte Prävention praktikabel umsetzen zu können, sind technologisch zwei Messmethoden wichtig. Zum einen werden sich Sensortechnologien, wie die sogenannten Wearables (z. B. Smart Watch), schnell weiterentwickeln und es uns erlauben, in Echtzeit Blutparameter dauerhaft zu monitoren. So soll die neue Apple Watch bereits eine Funktion für das Monitoren des Blutzuckerspiegels beinhalten, was zur Vorbeugung von Diabetes einen Paradigmenwechsel darstellen kann. Zum anderen können individuelle Biomarkermessungen (z. B. das humane Genom, Mikrobiom) genutzt werden, um den Menschen personalisiert auf seine humangenetischen und mikrobiellen Eigenschaften einstellen zu können. Hierbei wird die personalisierte Ernährung eine große Rolle spielen, denn nicht umsonst heißt es, dass die moderne Medizin „auf dem Teller liegt“.

Werden Daten der Sensortechnologien mit den Daten der Biomarkermessungen kombiniert, können zwei wichtige Elemente der Prävention abgebildet werden. Zunächst kann jeder Mensch individuell in einer für ihn passenden gesunden Lebens- und Ernährungsweise begleitet werden. Zum zweiten können durch die Echtzeitanalyse von Blutparametern Übergänge von einem gesunden Zustand in einen krankhaften Zustand viel früher identifiziert werden. Wir wissen, je früher die Diagnose gestellt wird, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit von Behandlungserfolgen. Das gilt vor allem bei kostspieligen komplexen Erkrankungen, wie beispielsweise Krebs oder Diabetes. Wir werden mit diesem präventiven Ansatz viel Leid von Patient:innen vermeiden und das Gesundheitssystem entlasten.

Große Technologiekonzerne wie Amazon, Alibaba, Apple oder Google investieren bereits Milliarden in Sensor- und Biomarkertechnologien, da gesunde Kund:innen mehr über ihre Plattformen konsumieren als kranke Kund:innen. Amazon betreibt mittler
weile sogar eine eigene Krankenkassensparte namens „Health Fund“ in den USA. Es ist davon auszugehen, dass dieser Trend zeitversetzt auch nach Europa überschwappen wird. Die Frage, die hierbei aufkommt, ist: Wollen wir unsere Gesundheit großen Technologieunternehmen aus den USA und Asien überlassen?

Die Ausgaben für Prävention und Gesundheitsförderung in Deutschland betrugen im Jahr 2020 414,3 Millionen Euro (Quelle: www.vdek.com), also circa 0,1 Prozent der gesamten Ausgaben des deutschen Gesundheitssektors. Dies ist ein winziger Tropfen auf einem sehr heißen Stein. Um hier nicht in Abhängigkeit von Konzernen aus den USA und Asien zu gelangen, ist ein Systemwandel – weg vom Krankheitssystem, hin zu einem echten Gesundheitssystem – dringend notwendig. Diese Erkenntnis und die Technologien besitzen wir in Europa bereits, aber haben wir auch den Veränderungswillen und die Kraft, diese Gesundheitssystemwende in Eigenregie voran
zutreiben? Wünschenswert wäre es allemal.

Dr. Paul Hammer promovierte in Systembiologie und Bioinformatik und ist Gründer und CEO der BIOMES NGS GmbH. Seine Mission ist der Technologietransfer von innovativen und präzisen medizinischen Anwendungen in den Gesundheitsmarkt mit dem Ziel der Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden des Menschen.

Meldungen dazu

Cover Adlershof Journal Mai/Juni 2022
Adlershof Journal Mai/Juni 2022
It’s magic! Faszinosum Biotechnologie