Detektivarbeit wider die Demenz: Adlershofer Start-up Predemtec arbeitet an der Früherkennung von Alzheimer anhand von Blutanalysen

26. Juni 2020

Detektivarbeit wider die Demenz

Adlershofer Start-up Predemtec arbeitet an der Früherkennung von Alzheimer anhand von Blutanalysen

Carola Schipke und Team © WISTA Management GmbH

Carola Schipke forscht mit ihrem Team in der Predemtec AG an der Alzheimerfrüherkennung © WISTA Management GmbH

Seit 2011 arbeitet die Predemtec AG an einem Verfahren zur Früherkennung der Alzheimer-Krankheit, das auf Blutanalysen und eigens entwickelten Algorithmen basiert. Sechs Biomarker hat das Team identifiziert, deren Konzentration und Verhältnis zueinander auf ein Alzheimer-Risiko schließen lässt.

Der Gedächtnisverlust kommt schleichend. Betroffene und ihre Umwelt merken nicht, dass der Zelltod im Vorder- und Zwischenhirn im vollen Gange ist, weil das Gehirn die Verluste bis zu zehn Jahre lang kompensieren kann. Wenn Alzheimer auffällt, ist es in der Regel zu spät. Immer mehr alternde Zellen verlieren ihre Widerstandsfähigkeit und erleiden irreparable Schäden in Stoffwechselprozessen. Dann schlägt die Krankheit gnadenlos zu. Sie raubt den Patienten alles, was sie ausmacht: ihre Erinnerung, Orientierung und in schweren Verläufen auch die Sprache.

Mitte 2018 hat Carola Schipke den Kampf gegen Alzheimer zu ihrem Hauptberuf gemacht. Die Biochemikerin hatte bis dahin an der Berliner Charité viele Jahre im Bereich Neurowissenschaften geforscht, um die Signalübertragung in Gehirnzellen und molekulare Abläufe hinter Erkrankungen wie Depressionen und Demenz zu ergründen. Nun wechselte sie zur Predemtec AG und wurde deren wissenschaftliche Leiterin. „Ich kannte das Team und seine Arbeit aus gemeinsamen Forschungsprojekten mit der Charité”, berichtet sie. Was sie dabei sah, überzeugte sie. Das Start-up treibt seit 2011 ein IT-gestütztes Verfahren zur Früherkennung von Alzheimer voran. Anstatt des bisherigen Goldstandards, bei dem Nervenwasserproben aus der Wirbelsäule entnommen und analysiert werden, arbeitet das Start-up am Alzheimer-Nachweis im Blutserum, damit Hausärzte die Früherkennung in Routine-Bluttests mitabdecken können.

Für den Nachweis hat das Team sechs Biomarker identifiziert, die im Serum per ‚Enzyme-linked Immunosorbent Assay‘- (ELISA-) Verfahren nachweisbar sind. „Wir analysieren immunologische Faktoren und Moleküle, die mit der Neuro-Regeneration in Verbindung stehen“, erläutert Schipke. Anhand ihrer Konzentration und dem Verhältnis zueinander können eigens entwickelte Algorithmen das Alzheimer-Risiko mit über 80-prozentiger Genauigkeit bestimmen. In Anbetracht der Tatsache, dass die relevanten molekularen Prozesse hinter einer Firewall ablaufen – der für viele Substanzen undurchdringlichen Blut-Hirn-Schranke –, ist das ein vielversprechender Wert. Nach jahrelanger Entwicklung und vielen Testreihen an Patienten plant Predemtec die Markteinführung des Bluttests samt der gemeinsam mit dem Partner-Start-up Oaklabs entwickelten Software für Ende 2020.

Spätestens hier stellt sich die Frage, was die Früherkennung bringt. Wer möchte schon Jahre im Voraus wissen, dass sein Lebensweg unaufhaltsam in die Demenz führt? – Als Forscherin, die sich seit einem Jahrzehnt mit Alzheimer-Diagnostik beschäftigt, hat Schipke diese Frage oft gehört. „Unser Test klärt das Alzheimer-Risiko von Patienten mit leichten kognitiven Störungen mit sehr hoher Genauigkeit ab“, sagt sie, „und sollte durch intensive psychometrische Diagnostik ergänzt werden.“ Denn dann erkenne man die Erkrankung in einem Stadium, in dem sich ihr Fortschreiten durch gezielte Gegenmaßnahmen verlangsamen lasse. Etwa, indem Medikamente abgesetzt werden, die die Symptome verstärken. Oder durch Bewegung und den Verzicht auf Alkohol und Nikotin. Und bei manchen Patienten schlagen auch spezifische Alzheimer-Wirkstoffe (Acetylcholinesterase-Inhibitoren) gut an. „Die Krankheit ist nicht heilbar. Aber Patienten können durch präventives Handeln im Schnitt neun Jahre mit hoher Lebensqualität gewinnen“, erklärt sie. Wer ein bis zwei Jahrzehnte vor dem Ausbruch sein Alzheimer-Risiko kenne, könne seine Gewohnheiten umstellen. Wer erst reagiert, wenn der Gedächtnisverlust unübersehbar wird, kommt dagegen zu spät.

Schipke hat einen Weg gefunden, ihr Wissen aus der jahrelangen Grundlagenforschung in die konkrete Alzheimer-Prävention einzubringen. Mit neuem Team am neuen Standort – Mitte 2019 zog das Unternehmen von Hennigsdorf ins Innovations- und Gründungszentrum IGZ Adlershof – brennt sie nun auf die Markteinführung des Früherkennungstests. Möglich geworden ist er, weil unter dem Dach der Predemtec Biochemiker, Psychologen, Informatiker, Mediziner, Geldgeber und Patienten im Sinne des Erhalts von Lebensqualität zu einer gemeinsamen Sprache gefunden haben. Schon damit entfalten sie die exakt gegenteilige Wirkung als ihr Gegner: der Erinnerungs- und Sprachenzerstörer Alzheimer.

Von Peter Trechow für Adlershof Journal

Meldungen dazu

Adlershof Journal Juli/August 2020: Titelbild
Adlershof Journal Juli/August 2020
Lasst uns reden! Innovation beginnt mit den richtigen Worten