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04. November 2022

Du bist noch mute. Wie wir aus Fehlern lernen

Essay von Ralf Kemmer, Professor an der SRH Berlin University of Applied Sciences und Veranstalter der Fuckup Night Berlin

Grafik: Dorothee Mahnkopf © WISTA Management GmbH

Bis 2020 standen Digitalisierung und Transformation bei den meisten Unternehmen auf ihrer Liste der strategischen Initiativen ganz oben. Dazu zählte, dass neue Methoden für Teams eingesetzt werden sollten, Mitarbeiter:innen neue Technologien lernen und Hierarchien abgebaut werden.

Heute, im Jahr 2022, leben wir in einer neuen Realität. Wir erleben, wie unplanbar und unperfekt die Zukunft ist. Durch die Pandemie wurden langfristige Planungen hinfällig und ersetzt durch schnelle Aktionen. Unternehmen versuchten auf Regulierungen zu reagieren und Angestellte sollten sich, entsprechend der jeweiligen Vorgaben, den neuen Umständen anpassen. Diese Entwicklungen waren nicht vorhersehbar und viele Menschen wurden aus ihren sicher geglaubten Strukturen herausgerissen.

Was haben diese neuen Umstände in uns ausgelöst? Wir haben alle experimentiert, Flexibilität entwickelt. Video-Calls zum Beispiel, waren für viele – zumindest in diesem Ausmaß – völlig neu. Aber alle haben sich daran gewagt, Professionalität war erst einmal nicht so wichtig: Wir haben es gelernt – by doing. Die Angst, die Scham zu scheitern, waren nicht vorhanden oder schnell überwunden. Wir haben ausprobiert und machen es teilweise noch immer – der Wissenstand war bei allen ähnlich – Hierarchien irrelevant. Schüler:innen haben Lehrer:innen Buttons gezeigt und Funktionen erklärt, Auszubildende den Vorgesetzten ihre Accounts eingerichtet und die Aussage „du bist noch mute“, versteht mittlerweile jede:r. Es wurden Fehler gemacht, es fand eine unprofessionelle Nutzung der Tools statt, oft scheiterten wir an unseren Fähigkeiten und das war akzeptiert. Es war ein „Live-Beta-Testing“.

Uns irritieren grundsätzlich so radikale Veränderungen und technologische Neuheiten im Job, weil wir glauben, wir müssten ebenso gut, ebenso schnell wie bisher sein. Unser Anspruch ist es, im Rahmen unserer Arbeit fehlerfrei und immer professionell zu agieren – so haben wir es gelernt. Wir haben Angst davor, Fehler zu machen, weil wir uns schämen und befürchten, dass Kolleg:innen über uns reden oder Führungskräfte uns negativ beurteilen.

In den letzten zwei Jahren waren wir gezwungen zu handeln, auch dann, wenn wir uns unsicher fühlten. Wir hatten technische Hürden zu bewältigen und mussten Abläufe umstellen und neu entwickeln. Unsere Arbeitsroutinen haben sich verändert, im Homeoffice organisieren wir uns selbst und stimmen uns dazu noch mit der Familie ab.

Bei Transformationsprozessen wird davon gesprochen, die eigene Komfortzone zu verlassen, Routinen zu ändern, sich in andere Verhältnisse zu begeben und im besten Fall etwas zu wagen. Wenn wir die letzten zwei Jahre betrachten, hatten wir alle diese Herausforderung, wir haben unsere Komfortzone verlassen und diese Situation immer wieder gemeistert. Währenddessen hat sich unsere Wahrnehmung von Fehlern verändert. Wir haben gesehen, dass Fehler zu machen natürlich normal ist – bei uns allen. Niemand ist fehlerfrei oder perfekt und wir können uns über Hierarchien hinweg unterstützen.

Wie wir diese Eindrücke verarbeiten und was wir daraus lernen, liegt an uns. Um unsere Erfahrungen zu verinnerlichen und unsere Einstellungen zu ändern, war der Zeitraum recht kurz. Wenn wir uns aber auf die positiven Effekte konzentrieren, können wir den Prozess zu einem Perspektivenwechsel aktiv steuern und fortsetzen. Geben wir uns und unseren Mitmenschen die Freiheit, auszuprobieren, zu testen, zu experimentieren und dadurch Fehler zu machen. Wenn wir Fehler oder Fehlschläge riskieren und nicht negativ bewerten, haben wir die Chance, zukünftig angstfrei und flexibel mit Veränderungen umzugehen.

 

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