Du machst das so gut: Wie mir eine digitale Stimme auf die Sprünge hilft: Essay von Dilek Güngör, Journalistin und Autorin aus Berlin

16. September 2021

Du machst das so gut: Wie mir eine digitale Stimme auf die Sprünge hilft

Essay von Dilek Güngör, Journalistin und Autorin aus Berlin

Illustration Smart Home © D. Mahnkopf / WISTA Management GmbH

Illustration: D. Mahnkopf © WISTA Management GmbH

Du schaffst das, mit Leichtigkeit. Geh gemächlich. Merkst du nicht, wie gut deine Kondition geworden ist? Du könntest Berge besteigen.

Seit vier Monaten nehme ich in unserem Haus die Treppe, so oft ich kann. In der dritten Etage komme ich ins Schnaufen, bis zur vierten bin ich ganz schön außer Atem. Trotzdem.

Gleich bist Du da. Gut gemacht.

Ich finde auch, dass ich das gut gemacht habe. Überhaupt klingt vieles gut in dieser Smarthausstimme. Erst war ich dagegen, aber jetzt, wo ich zweimal, manchmal dreimal am Tag vier Etagen rauf und runtergehe, sehe ich das anders. Wohlwollend ist sie, immer freundlich, ermutigend und ganz sanft.

Komm, du hast das bisher so gut gemacht.

Und ich gehe am Aufzug vorbei und zu Fuß nach oben, 43 Stufen. Zum Hinuntergehen brauche ich die Stimme nicht, das schaffe ich ohne gute Worte.

Heute ist mir nach mehr Tempo und Sprüngen, und so renne ich die Stufen hinab. Nehme zwei auf einmal, dann drei. Vielleicht schaffe ich auch vier? Es klappt so lange, bis plötzlich der Abstand nicht mehr stimmt. Schon bevor ich aufkomme, weiß ich, dass ich mir wehtun werde.

Oh je.

Die Stimme ist klug genug, nicht mehr zu sagen als das.

Im ersten Stock wird die Tür aufgerissen. Barbara sieht mich erschrocken an.

„Ach, du bist das. Was machst du für einen Lärm?“

„Ich bin gestolpert“, sage ich und reibe mir den Knöchel.

„Wieso?“

„Wieso?“

„Ist die Stimme wieder kaputt?“ Sie sieht auf ihrem Handy nach. „Ne, bei mir geht sie.“ Als Beweis hält sie mir das Display unter die Nase. „Sie hätte dich warnen müssen.“

Vorsichtig bewege ich den schmerzenden Fuß, stelle mich auf.

„Die Stimme müsste dir jetzt eigentlich ein Kühlpack anbieten. Oder den Notarzt rufen“, sagt Barbara.

Du könntest mir ein Kühlpack anbieten, denke ich.

Auftreten kann ich, Stufe für Stufe gehe ich das letzte Stück bis zur Haustür.

„Melde ich bei der Hausverwaltung“, sagt Barbara. „Mit deiner Smarthausstimme muss irgendwas defekt sein. Meine funktioniert.“

In der Apotheke besorge ich Schmerztabletten, Salbe und Kühlpacks. Als ich zurückkomme, steht Barbara unten an der Treppe.

„Ich habe die Smarthausstimme neu installiert“, sagt sie.

Das Lichtlein an meinem Handy blinkt, die Stimme hat mich richtig identifiziert.

„Danke, Barbara.“

Ich will nachsehen, ob ich Post habe, und humple an Barbara und den Treppen vorbei.

Zu Fuß? Hast du sie noch alle? Mit dem angeschwollenen Knöchel? Willst du es noch schlimmer machen, als es schon ist?

Die Stimme klingt wie Barbara. Ich schalte das Handy aus und wieder ein.

„Immer noch defekt?“

„Ich weiß nicht, die Stimme klingt seltsam.“

„Ich hab dir meine aufgespielt.“

„Wir haben alle unsere eigene Stimme?“

„Na klar, du hast deine, ich hab meine und jeder hört nur seine eigene. Wusstest du das nicht?“

Ich mochte meine Stimme, das sage ich Barbara nicht.

„Meine Stimme warnt Dich, wenn’s gefährlich wird“, sagt sie, als wüsste sie, was ich denke.

„Aber ich kann meine Stimme wiederhaben, wenn ich will, oder?“

„Damit du wieder die Treppen runterfällst?“

„Damit ich sie besser hinaufkomme.“

Sie schüttelt den Kopf. Dann drückt sie den Aufzugknopf für mich.

„Schone dein Fußgelenk. In ein paar Wochen kannst du wieder Treppen steigen, und sogar auf Berge. Du wirst sehen.“

Sie klingt ein bisschen wie meine Stimme. Vielleicht kommt mir das auch nur so vor. Die Aufzugtür öffnet sich.

„Ich werde nochmal Salbe auf den Knöchel auftragen“, sage ich. „Und das Bein hochlegen.“

„Du machst das so gut“, sagt Barbara.

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