Eine einschneidende Erfahrung in der 30-jährigen Unternehmens­geschichte: Rost Werbetechnik kämpft ums Überleben und sorgt für „Papplikum'

23. Februar 2021

Eine einschneidende Erfahrung in der 30-jährigen Unternehmens­geschichte

Rost Werbetechnik kämpft ums Überleben und sorgt für „Papplikum“

Papplikum The Voice of Germany © Rost: Werbetechnik GmbH

Damit die Zuschauerränge bei „The Voice of Germany” nicht leer blieben, hat die Firma Rost das „Papplikum“ produziert © Rost: Werbetechnik GmbH

Das Fernsehstudio ist voll, könnte man meinen. Doch jeder zweite Zuschauende ist ein Pappkamerad. Seit Mitte März 2020 verzichten große Fernsehshows in Deutschland aus Sicherheitsgründen auf Studiopublikum. So auch die in Adlershof aufgezeichnete Show „The Voice of Germany“. Die wenigen „echten“ Studiogäste sind Angehörige der Teilnehmenden. Alle sonstigen Plätze werden mit auf Pappe gezogenen Fotos von Fans gefüllt, die sich dafür selbst fotografierten. Grafisch bearbeitet, auf Pappen gedruckt und ausgeschnitten wurde das „Papplikum“ von der Adlershofer Firma Rost Werbetechnik, die 2020 ihren 30. Geburtstag feierte. Ein Jahr, an das sich Gründer und Geschäftsführer Peter Rost trotzdem „nicht gern erinnern wird“.

Peter Rost und Jana Arnold haben gemeinsam viel durchgestanden in ihrer Unternehmerlaufbahn. Die Gründung ihres Unternehmens fiel in die turbulente Zeit der Wende. Peter Rost, eigentlich diplomierter Sportlehrer, war noch vor dem Ende der DDR „in Ungnade gefallen“, hatte den Arbeitsplatz als wissenschaftlicher Mitarbeiter an seiner Universität verloren. „Ich war drei oder vier Tage arbeitslos“, erinnert er sich, „das gab es offiziell gar nicht.“ Ungelernt fing er in der Siebdruckerei eines Freundes an, begann später eine Ausbildung zum Siebdrucker. Als er sich noch in der DDR selbständig machen wollte, war das nicht ganz einfach. „Vervielfältigungsbetriebe waren ein sensibles Thema“, erzählt Rost. Dennoch erhielt er seine Genehmigung und eröffnete in einer unsanierten, nicht mehr vermietbaren Wohnung seinen Betrieb. Ein halbes Jahr später – mit der Wiedervereinigung – verlor Jana Arnold ihren Job als Richterassistentin an einem Stadtbezirksgericht. „Alle Gerichte der DDR schlossen mit dem 3. Oktober.“ Jana Arnold stieg im Unternehmen ihres Mannes ein, schrieb erste Rechnungen, übernahm pragmatisch die Buchhaltung. „Learning by doing“, erinnert sie sich, „es waren wilde Zeiten.“

Wilde Zeiten, in denen sie viel Lehrgeld zahlten. Aufträge wurden nicht bezahlt, die technische Ausstattung der Konkurrenzbetriebe in Westberlin war der eigenen zehn Jahre voraus. Sie fragten alte DDR-Betriebe nach Aufträgen, druckten Aufkleber und Plakate. 1992 investierten sie eine halbe Million Mark in Ausrüstung. „Unvorstellbare, angsteinflößende Summen, für die wir nicht sozialisiert waren“, sagt Rost rückblickend. Als dann ein Herzensprojekt scheiterte, drohte die Insolvenz. „Wir waren zu idealistisch“, erzählt Jana Arnold, „dachten, das Geld wird schon kommen.“ Es kam nicht. Gemeinsam mit dem Berater beim „Runden Tisch“ der Handwerkskammer schafften sie den Weg aus der Krise. Es ging aufwärts. Der zwischenzeitlich bezogene Firmensitz in Schöneiche wurde zu klein. Es war der Berater, der 2006 fragte: „Warum nicht einen neuen Firmensitz bauen?“. Auf einem Vermarktungsschild der Adlershof Projekt GmbH sah Rost eine Telefonnummer. Dann ging alles ganz schnell. Der erste Spatenstich war im Dezember 2006, ein halbes Jahr später stand der neue Firmensitz.

„Das Beste, was uns passieren konnte“, sagt Jana Arnold heute. „Wir hatten damals das Gefühl, ins Grüne gezogen zu sein, ringsum war noch nichts, abends hoppelten die Kaninchen übers Feld.“ JWD – janz weit draußen – wie der Berliner sagte, wenn es um Adlershof ging. Das habe sich schnell geändert, erzählen beide fast etwas wehmütig. Heute sei man „etwas eingebaut“.

Auch wenn die Synergien zu wünschen übrigließen – „das liegt auch an unserer Branche“ – sind beide zufrieden in Adlershof. Mit dem Studio Hamburg und deren Produktionsfirma gibt es hier wichtige Kunden.

Aus der Siebdruckerei ist schon lange ein Werbetechnikunternehmen geworden, dessen Kunden vorwiegend aus der Messe-, Ausstellungs- und Eventbranche kommen. Auch viele Museen gehören zum Kundenstamm. Ausgerechnet die Branchen, die von der Pandemie mit am stärksten betroffen sind. Als „einschneidende Erfahrung“ beschreibt Rost das Jubiläumsjahr. „Es begann mit der Absage der Internationalen Tourismusbörse, dann kamen nach und nach immer mehr Auftragsstornierungen“. Peter Rost reagiert „panisch“, wie er sagt, kann keinen klaren Gedanken mehr fassen, weder schlafen noch stillsitzen. Die Frage aller Fragen: „Wie lange halten wir das durch?“ Und das im 30. Jahr des Bestehens.

Auch Jana Arnold ist besorgt. Nach dem ersten Schock jedoch stürzt sie sich in die Zahlen. Sparen, runterfahren, Kurzarbeit nutzen. „Mit ihrem Plan“, erinnert sich ihr Mann, „konnten wir wieder etwas ruhiger nach vorn blicken“. Der Sommer brachte Hoffnung und kleine Aufträge. „Wir haben produziert, was man in einer Pandemie so braucht“, sagt Peter Rost, „Masken, Spuckschutz, Aufkleber.“

Heute ist die Situation noch nicht viel anders. „Wir versuchen uns neu aufzustellen, die Schwerpunkte mehr in Bürogestaltung, Außenwerbung und Fahrzeuggestaltung zu legen.“ Dem „Papplikum“ in Berlin folgten weitere in Köln und München. Peter Rost, Jana Arnold und ihre Kollegen sitzen selbst auch mit drin.

Von Rico Bigelmann für Adlershof Journal

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