„Es ist eine einzigartige Erfahrung': Das Falling Walls Lab Adlershof stellt innovative Forschungsansätze vor

04. November 2021

„Es ist eine einzigartige Erfahrung”

Das Falling Walls Lab Adlershof stellt innovative Forschungsansätze vor

Anna Vanderbruggen im Labor. Bild: Anna Vanderbruggen

Anna Vanderbruggen befasst sich mit Batterierecycling. Bild: Anna Vanderbruggen

Sonderpädagoge Torben Rieckmann © Torben Rieckmann

Sonderpädagoge Torben Rieckmann hat ein Lernmodell für Menschen mit Trisomie 21 entwickelt. Bild: © Torben Rieckmann

Im November trifft sich das Who’s who der Wissenschaft bei der jährlich stattfindenden „Falling Walls“-Konferenz. Auch Nachwuchstalente aus aller Welt sind eingeladen. Es gehe beim Wettbewerb darum, „eine Mauer zu durchbrechen und dadurch neue Wege zu öffnen,“ so Sanela Schlößer.

Schlößer arbeitet im Wissenschaftsbüro der Initiativgemeinschaft Außeruniversitärer Forschungseinrichtungen in Adlershof e. V. (IGAFA), das gemeinsam mit der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) den norddeutschen Vorentscheid des Wettbewerbs ausrichtet. Beim „Falling Walls Lab Adlershof“ am 1. Oktober 2021 wurden bereits Gedanken und neuartige Erfindungen aus allen Wissenschaftsbereichen präsentiert. Die Siegerinnen und Sieger der Vorentscheide kämpfen am 7. November beim Finale ihrer Kategorie um den Sieg als „Breakthrough Winner of the Year in the Emerging Talents“.

Vorgestellt wurden in Adlershof neue Erkenntnisse in Medizin, Naturwissenschaft, Umweltwissenschaft und Maschinenbau sowie Landwirtschaft. Andere Forschungsprojekte beschreiten neue Wege im Bildungswesen, ein Projekt im Bereich Bildende Kunst und Design widmet sich der Völkerverständigung. Schon jetzt zeigt sich der Ehrgeiz der jungen Forschenden. So wird an einem Mittel gegen Rheuma, an einem Impfstoff geforscht sowie an neuen Strategien des Patientenschutzes und der Virustestung. Einer der Teilnehmenden fand neue Wege, um die Qualität des Wassers zu überwachen. Die norddeutschen Bewerberinnen und Bewerber kommen unter anderem aus Berlin Adlershof, Hamburg und Oldenburg.

Anna Vanderbruggen (29) fand ihr Forschungsprojekt 2018, als sie in ihrer Schreibtischschublade kramte. „In der Schublade lagen so viele alte Mobiltelefone und ich dachte mir: Es muss etwas gegen den ganzen Elektromüll unternommen werden,“ so Vanderbruggen. Ausgehend von ihrem Fachgebiet, der Geologie, begann sie zu erkunden, wie sie Graphit, einen bisher nicht recyclebaren festen Bestandteil von Lithium-Ionen-Batterien besser verwerten kann. Durch den neuen Prozess stieg der Recyclinganteil um mehr als 15 Prozent.

Sie schrieb die Masterarbeit über ihre neuen Erkenntnisse beim Helmholtz-Institut Freiberg für Ressourcentechnologie (HIF), zurzeit promoviert sie dort über das gleiche Forschungsfeld. „Durch den neuen Prozess kann man die neuen Richtlinien für Batterien besser einhalten.“ Ihr Engagement kommt an. Nebenbei arbeitet Vanderbruggen für die ERZLABOR Advanced Solutions GmbH, ein Unternehmen, das europäische Recyclingunternehmen berät.

Nach ihrem Doktorat möchte sie später weiterhin im akademischen Bereich tätig sein und ihre eigene Forschungsgruppe zum Thema Batterierecycling gründen. Die Französin ist sehr stolz: „Ich habe bei Null angefangen. Dass das Projekt jetzt so groß wurde, ist wirklich toll. Ich hoffe, dass es bald Anklang finden wird.“ Die Herausforderung, wie alle anderen Teilnehmenden ihr Projekt in nur drei Minuten vorzustellen, gefällt ihr sehr gut. „Das ist wirklich schwer, weil man sich auf das Wesentliche konzentrieren muss. Ich bin gespannt, wie die anderen das lösen.“

Einen anderen Ansatz verfolgt Torben Rieckmann (32). Der gelernte Sonderpädagoge entdeckte bei einer Studie mit 1.300 Menschen mit Trisomie 21, dass das herkömmliche Mathematik-Lernmodell von 1922, die so genannte Kraft der Fünf, nicht greift. Durch die Fünferreihung werden unter anderem Menschen mit Lernschwierigkeiten ausgeschlossen. „Im Regelfall können wir bis zu vier Dinge verarbeiten und sehen, wann eine Reihe mit fünf Rechenelementen geschlossen ist. Menschen mit Downsyndrom erkennen aber nur zwei bis drei Elemente,“ warnt Rieckmann.

Daraufhin entwickelte der Hamburger gemeinsam mit seinem Vater Rolf Rieckmann, die Mathematik-App „Mathildr“ und arbeitete mit Zweier- statt mit Fünferreihen. Damit Menschen mit Downsyndrom die geraden und ungeraden Zahlenmodelle besser unterscheiden können, verband er zudem jeweils zwei Punkte mit einem Aufwärtsstrich. „Die beiden Punkte sahen aus wie Kirschen.“ Um Kinder mit und ohne Lernschwierigkeiten zusammenzubringen, entwickelt er nun eine neue App: „Mambio“. Sie verbindet die „Kraft der Fünf“ und die „Mathildr“-Kirschen-Methode. Somit wird der Unterricht auf jedes Kind individuell abgestimmt.

Ulrich Panne, Präsident der BAM und Sprecher des Vorstandes der IGAFA, ist nicht nur von den „mutigen und innovativen Ideen“ der Forschenden begeistert, sondern auch von ihren kreativen Präsentationen. Das sei „die beste Voraussetzung, um potenzielle Investoren zu überzeugen“, erklärt Panne. Auch Ursula Westphal, Geschäftsführerin der IGAFA, weiß: „Es ist eine einzigartige Erfahrung. Da die Labs interdisziplinär angelegt sind, ergeben sich ganz neue Möglichkeiten zum Austausch und zur späteren Zusammenarbeit. Viele Teilnehmende kamen nach der letzten Konferenz begeistert auf mich zu. Sie waren beflügelt.“

Am 7. November 2021 wird das Adlershofer Siegerprojekt beim weltweiten Finale präsentiert.

Gewinner/-innen des Falling Walls Adlershof 2021

  1. Anna Vanderbruggen (France) BREAKING THE WALL OF BATTERY RECYCLING
  2. Sophie Budzinski (Germany) BREAKING THE WALL OF PERSONALIZED MICROBIOTA DIAGNOSTICS
  3. Torben Rieckmann (Germany) BREAKING THE WALL OF NON-INCLUSIVE MATHEMATICS

Susanne Gietl für Adlershof Journal
 

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