Gedanken über Kreativität
Fingermalfarbe am Lagerfeuer
Haben Sie sich schon einmal gefragt, was Kreativität ist? Wenn Sie sich im Freundeskreis über die Talente Ihrer Kinder austauschen, sagen Sie dann Sätze wie: „Unser Deniz ist so kreativ, der kriegt eines Tages den Nobelpreis?“ Oder: „Alex hat sich ein zweites Mikroskop vom Weihnachtsmann gewünscht. Wir werden sie später auf die Kunsthochschule schicken?“ Natürlich nicht. Kreativ ist kreativ und Wissenschaft ist …, nun ja, Wissenschaft.
Dachte ich jedenfalls. Aber dann kam Wikipedia. Die sagt plötzlich, Kreativität sei die Fähigkeit, etwas Neues oder Originelles zu erschaffen, das gleichzeitig nützlich oder brauchbar ist.
Hm. Jetzt schnappen Sie sich bitte kurz Ihren Ausgehflachmann, gehen Sie in die Neue Nationalgalerie und nehmen Sie einen kräftigen Schluck, wann immer Sie an etwas Nützlichem oder Brauchbarem vorbeikommen.
Trockene Veranstaltung, oder?
Finden Sie es fair, dass die Definition von Kreativität an so etwas Schnödes wie Nützlichkeit gebunden ist und damit ausgerechnet die Kunstschaffenden und ihre Werke ausschließt, die wir doch als Inbegriff des Kreativen sehen? Ich auch nicht. Aber weiter unten im Wikipedia-Eintrag verstecken sich noch ein paar Nuancen. Zum Beispiel die, dass Nützlichkeit auch bedeuten kann, dass der kreative Prozess und/oder das kreative Produkt Emotionen auslöst. Aber ich kann die Leute ja schlecht ins Museum schicken und sagen: „Trink jedes Mal, wenn du ein Gefühl fühlst.“
Kreativität bedeutet also, etwas Neues, Nützliches zu erschaffen; Kunst und Musik und Literatur erzeugen Emotionen; Emotionen sind offenbar nützlich und damit fallen auch die schönen Künste unter Kreativität. Die Herleitung erscheint mir ein bisschen bemüht.
Wikipedia zitiert darüber hinaus eine EU-Studie, laut der „der Anteil der Berufstätigen mit Studienabschluss in kreativen Berufsfeldern […] einen etwa viermal so starken Effekt auf die [wirtschaftliche] Produktivität [hatte] wie der Anteil der Berufstätigen in nichtkreativen Berufsfeldern“. Wirklich? Tragen Kreative so viel mehr zur Wirtschaftsleistung bei als Nichtkreative? Schauen wir aufs Kleingedruckte:
Zunächst zählt die Studie Regierungs- und Behördenmitarbeiterinnen, Manager, Geschäftsleute und Anwältinnen etc. zu den „nichtkreativen Berufsgruppen“. Quasi alles andere, aber namentlich Natur- und Sozialwissenschaften, Life Science und Gesundheit, Lehrberufe und das Ingenieurwesen, wird den „kreativen Berufsfeldern“ zugeordnet.
Sind Wissenschaftlerinnen und Ingenieure also kreativ? Tun wir der mikroskopiebegeisterten Alex unrecht, wenn wir ihr keine kreative Laufbahn prophezeien?
Am ehesten lassen sich diese Widersprüche auflösen, wenn der Blick für die weniger schöngeistigen Formen von Kreativität geschärft wird. Kreativität ist eben nicht nur in Museen, Galerien und auf Bühnen zu finden. Sie bedeutet auch die Fähigkeit, Probleme zu lösen. Ideen zu entwickeln. Neue Wege zu finden. Ja, ein kreatives Ergebnis kann ein Gemälde sein oder ein Song. Es kann aber auch eine neue Theorie sein, eine Maschine, ein Medikament, ein Unternehmen.
Die grenzenlose Vielfalt schöpferischer Spielarten ist es, die uns als Spezies ausmacht. Ohne Kreativität würden wir immer noch in Höhlen Schutz vor Säbelzahntigern suchen. Wir würden diese aber nicht an die Höhlenwand malen. Wir würden im Dunklen kein Feuer machen und uns keine Geschichten erzählen. Wir würden Meere als Grenzen akzeptieren, anstatt uns zu fragen, wie wir sie überbrücken. Alles wäre so, wie es sein soll. Es würde uns nichts fehlen. Wie den Bonobos oder den Hyänen oder den Termiten nichts fehlt. Wir wären nur keine Menschen.
Gastbeitrag von Tobias Hein für Adlershof Journal
