Im Flow mit Lego
Ob mit Plastiksteinen, Photovoltaik oder Pilzextrakten: Kreativität entsteht in Adlershof dort, wo verschiedene Menschen, Fachrichtungen und Perspektiven aufeinandertreffen
Allein schon beim Anblick bunter Legosteine kribbelt es in den Fingern von Franziska Emmerling. Spielzeug? Schon. Aber eines, das Kreativität kitzelt und Abstraktes greifbar macht. „Mich fasziniert, dass sich mit einfachen Bausteinen komplexe dreidimensionale Zusammenhänge darstellen lassen“, sagt die Leiterin der Abteilung Materialchemie der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM). Bei sogenannten Metal-Organic Frameworks (MOFs) etwa lasse sich mit Lego zeigen, wie sich Metallknoten und organische Verbindungsstücke zu porösen Netzwerken zusammensetzen. Ihr Job als Professorin verbindet sich mit der vermeintlichen Spielerei zu dem Kern dessen, was sie antreibt: „Gute Fragen zu entwickeln, komplexe Materialien besser zu verstehen und ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen eigenständig, kritisch und kreativ forschen können.“
Emmerling verbindet ihre Lego-Leidenschaft mit wissenschaftlicher Kommunikation und Kooperation. „Lego ist für viele Menschen erfreulicherweise positiv konnotiert“, sagt sie. „Es weckt Neugier, Erinnerungen, Spieltrieb und die Bereitschaft, einfach einmal etwas auszuprobieren.“ Das senke die Schwelle, sich auch auf komplexe wissenschaftliche Fragen einzulassen. „Ein Modell auf dem Tisch lädt eher zum Hinschauen, Nachfragen und gemeinsamen Weiterdenken ein als eine abstrakte Grafik allein“, erklärt Emmerling.
Nicht nur das hilft, die Gedanken in Bewegung zu bringen. Wenn ein Forschungsproblem feststeckt, sucht Emmerling zunächst Abstand und formuliert die Ausgangsfrage neu: Welche Annahme wird vielleicht zu selbstverständlich genommen? Welche Information fehlt? Könnte ein Ergebnis, das nicht ins bisherige Bild passt, gerade auf etwas Neues hinweisen? Häufig entstünden neue Ansätze im Gespräch. „It needs two to think“, weiß Emmerling. Soll heißen: Im Austausch mit dem Team, mit Kolleginnen und Kollegen anderer Disziplinen lassen sich Daten und Zusammenhänge neu ordnen. Und: „Ich arbeite viel im Doodle-Modus, nicht als Selbstzweck, sondern weil Zeichnen mir hilft, gedankliche Strukturen sichtbar zu machen und neue Verbindungen zu entdecken“, verrät sie einen weiteren Kreativtrick.
Wichtig sind für sie auch diverse Erfahrungen in einem Team: „Unterschiedliche fachliche Hintergründe, Karrierestufen, internationale Erfahrungen und verschiedene Perspektiven helfen dabei, Gewohnheiten zu hinterfragen und Dinge nicht vorschnell für selbstverständlich zu halten“, sagt sie und betont: „Vielfalt allein reicht nicht. Entscheidend ist eine Arbeitskultur, in der Menschen ihre Ideen, Zweifel und auch ungewöhnlichen Vorschläge einbringen können. Genau dort entstehen häufig die interessantesten wissenschaftlichen Ansätze.“
Für Bruno Leal beginnt Kreativität ebenfalls nicht mit dem einen großen Geistesblitz. Der gebürtige Brasilianer ist Geschäftsführer und Gründer der Cogu GmbH, die in Adlershof organische funktionale Flüssigextrakte aus Pilzen und Pflanzen herstellt. Während sich die meisten Anbieter auf Extrakte einzelner Substanzen konzentrieren, setzt Cogu auf Mischungen, die auf bestimmte Körperfunktionen zielen: etwa Verdauung, Entspannung oder Immunabwehr. „Wir glauben, dass es für Menschen leichter ist, eine Funktion zu verstehen als einen isolierten Inhaltsstoff“, erklärt Leal. Entwickelt, produziert und abgefüllt wird alles im Zentrum für Photovoltaik und Erneuerbare Energien, in dem das Unternehmen beheimatet ist.
Zu Cogu kam Leal über Umwege; lange hat er in der Finanzbranche gearbeitet. „Ich hatte keine Vorstellung davon, was ich als Nächstes machen wollte. Sehr klar war mir aber, dass es nicht mehr in der Finanzwirtschaft sein wird“, erinnert er sich. Einen kreativen Erweckungsmoment für die Gründung gab es nicht: „Das Unternehmen ist eher aus einer langsamen Ansammlung von Beobachtungen und Frustrationen entstanden als aus einem einzigen, entscheidenden Geistesblitz.“
Was bis dato für die Arbeitsweise seines Teams gilt: „Bei Cogu entstehen manche Dinge durch Experimente und Zufall, andere durch gezielte Tests und den Austausch unterschiedlicher Perspektiven.“ Seinen analytischen Blick aus der Finanzwelt hat Leal nicht abgelegt: „Unterschiedliche Erfahrungen führen dazu, dass ich Probleme aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten kann.“
Kreativität beginnt für Samira Aden mit den richtigen Fragen. Die Architektin und Designforscherin arbeitet am Kompetenzzentrum Photovoltaik Berlin (PVcomB) des Helmholtz-Zentrums Berlin (HZB) an der Schnittstelle von Architektur, Kunst und neuen Technologien. Was per se die Kreativität kitzelt: „In der Architektur haben wir oft einen klaren Rahmen: einen Ort, ein Programm, ein Budget, bestimmte Anforderungen“, erklärt sie. „Im Forschungsumfeld ist vieles offener. Wir arbeiten mit Materialien und Technologien, deren Möglichkeiten noch nicht vollständig verstanden sind.“ Das sei das Spannende: „Weil wir nicht nur eine Lösung entwerfen, sondern zunächst herausfinden müssen, welche Fragen überhaupt gestellt werden sollten.“
Aden denkt in Räumen, Materialität, Wahrnehmung und Nutzung. Photovoltaik etwa fasziniert sie nicht nur als Technologie zur Energiegewinnung: „Ein technisches Element wird plötzlich zu einem architektonischen Material.“ Und das im Wechselspiel aus Energie, Licht, Oberfläche, Konstruktion und Raum. „Ich verstehe Kreativität in diesem Umfeld als eine Art Katalysator: zwischen Disziplinen, zwischen unterschiedlichen Formen von Wissen und auch zwischen dem, was heute möglich ist, und dem, was wir uns erst noch vorstellen müssen“, unterstreicht Aden.
Besonders deutlich wird das bei der bauwerkintegrierten Photovoltaik. Die spannendsten Lösungen entstehen für Aden dort, wo aufgehört würde, Photovoltaik als „zusätzliche technische Schicht“ zu betrachten. Energie könne Teil der architektonischen Identität eines Gebäudes, einer Stadt und einer Gesellschaft werden. Dafür müssten Architektinnen mit Materialwissenschaftlern, Physikerinnen, Ingenieuren, Künstlerinnen, Politikern und Nutzenden zusammenarbeiten. Interdisziplinarität, die den Boden für Innovationen bereitet. Aber: „Ein interdisziplinäres Team allein erzeugt noch keine Interdisziplinarität“, warnt die Wissenschaftlerin. „Es braucht eine gemeinsame Kultur des Zuhörens, Übersetzens und Widersprechens.“
Eine Haltung, die sich auch an Adens Arbeit als Kuratorin der Pan-African Biennale in Nairobi zeigte. Afrika versteht sie nicht als „Fallstudie“, sondern als Quelle von Wissen und Zukunftsideen. Gerade der Blick auf vorhandene Ressourcen und über Generationen gewonnenes Wissen könne neue Forschungsfragen hervorbringen: „Viele Innovationen entstehen nicht aus maximaler Verfügbarkeit von Ressourcen, sondern aus der Fähigkeit, mit vorhandenen Ressourcen neue Beziehungen herzustellen“, sagt Aden.
Was also brauchen Menschen, um schöpferisch zu werden? „Kreativität braucht Zeit, Vertrauen und die Erlaubnis, nicht sofort recht haben zu müssen“, ist Aden überzeugt. Und: die Bereitschaft zur „produktiven Irritation“. Soll heißen: „Dinge nicht deshalb weiterzuführen, weil sie funktionieren, sondern gezielt zu fragen, ob wir das Problem überhaupt noch richtig beschreiben.“
Chris Löwer für Adlershof Journal
Materialchemie bei der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM)
cogu. functional mushrooms & botanicals
Visitenkarte Samira Jama Aden beim Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB)



