Im Gespräch mit Christine Eisenmann: Die Verkehrsforscherin leitet die Gruppe „Transformation der Automobilität' am DLR

28. August 2019

Im Gespräch mit Christine Eisenmann

Die Verkehrsforscherin leitet die Gruppe „Transformation der Automobilität“ am DLR

Christine Eisenmann, DLR © WISTA Management GmbH

Christine Eisenmann vor ihrem neuen Büro in der Rudower Chaussee 7 © WISTA Management GmbH

Im Durchschnitt ist jeder Deutsche rund 80 Minuten am Tag unterwegs. Die Verkehrsforscherin Christine Eisenmann legt ihre Wege zum und am Technologiepark Adlershof staufrei mit dem Rad zurück. Sie hat es gut, wohnt sie doch in der Nähe. Doch sie kennt auch andere Zeiten: Aufgewachsen in einem kleinen Dorf in Bayern, hat sie mit 18 Jahren den Führerschein gemacht, um mobil zu sein. Nicht nur wer auf dem Land lebt, ist oft auf das Auto angewiesen. Vom Autobashing hält sie daher nichts. Am Institut für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), wo sie die Gruppe „Transformation der Automobilität“ leitet, befasst sich Eisenmann mit neuen Konzepten und Technologien für den motorisierten Individualverkehr und deren Auswirkungen. Beispielsweise untersucht sie die Akzeptanz von Elektromobilität, autonomem Fahren und was das für das Mobilitätsverhalten der Menschen und für die Umwelt bedeutet. Wie es darum steht und warum Christine Eisenmann viel Zeit in Zügen verbringt, erzählt sie im Interview.

 

Adlershof Journal: Verreisen Sie oft?

Christine Eisenmann: Ja, ich bin sowohl beruflich als auch privat viel unterwegs. Ich unternehme etwa zwei bis drei Dienst
reisen im Monat, zumeist in Deutschland. An den Wochenenden oder Feiertagen pendele ich oft nach Karlsruhe, weil mein Mann noch dort wohnt.

Welche Verkehrsmittel nutzen Sie hauptsächlich?

Innerhalb Deutschlands fahre ich mit dem Zug. Nur für internationale Reisen steige
 ich ab und zu in den Flieger. Zur Arbeit 
fahre ich meist mit dem Fahrrad. Auch sonst bin ich in Berlin mit dem Rad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs.

Haben Sie ein Auto?

Ja, das ist aber in Karlsruhe, weil mein Mann es zum Pendeln benötigt.

Ist Carsharing für Sie eine Option?

Ich habe schon öfter darüber nachgedacht. In Berlin habe ich aber bisher das Auto noch nicht vermisst und in Karlsruhe war das Carsharing-Angebot nicht passend für unsere Bedürfnisse.

Wie verändert sich das Mobilitätsverhalten der Deutschen?

Wir schauen dazu auch auf große Mobilitätserhebungen wie die MiD (Mobilität
 in Deutschland) 2017, an der mehr als 300.000 Personen teilgenommen haben. Es gibt Veränderungen, doch diese Pflänzchen sind noch sehr klein: In Städten hat das Verkehrsaufkommen mit dem Rad zugenommen, junge Leute nutzen dort 
seltener das Auto als in ländlichen Regionen, Elektromobilität nimmt zu – wenn auch auf niedrigem Niveau. Das Auto bleibt aber das wichtigste Verkehrsmittel der Deutschen. Jedes Jahr wächst der Fahrzeugbestand an Pkw hier um eine 
halbe Million.

Trotz verschiedener Förderprogramme der Bundesregierung beträgt der Anteil von Elektroautos an allen Pkw nur 0,13 Prozent. Warum?

Ein Grund ist, dass in ganz vielen Privathaushalten Gebraucht- statt Neuwagen gekauft werden. Aber gebrauchte E-Autos gibt es noch nicht genügend. Auch sind die Modellvielfalt bei E-Autos und der Ausbau der Ladeinfrastruktur erst in den letzten Jahren gestiegen. Seit diesem Jahr auf den Weg gebrachte Sonderabschreibungen und Steuerprivilegien für E-Dienstfahrzeuge werden den Absatz auch ankurbeln.

Bei welchen Personengruppen gibt es den größten Mobilitätswandel?

Bei den Senioren und jungen Leuten. Bei ersteren gibt es eine Nachholmotorisierung, das heißt, heute ist der Anteil motorisierter Senioren/-innen größer als früher. Junge Leute haben dagegen ein multimodaleres Verhalten, nutzen unterschiedliche Verkehrsmittel, verzichten in Städten oft auf ein eigenes Auto. Allerdings hat der Flugreisetourismus in dieser Gruppe zugenommen.

Wie erreichen wir die Verkehrswende schneller?

Je attraktiver das Mobilitätsangebot an Bahnen und Bussen, Carsharing und eine ausgebaute Radinfrastruktur, umso eher überdenken Menschen das eigene Mobilitätsverhalten. Auch zum Beispiel Parkraummanagement und die Umwidmung von wenig befahrenen Pkw-Fahrstreifen zu Fahrradwegen gehören dazu. Die Politik hat die Aufgabe, an den entsprechenden Stellschrauben zu drehen. Fragen rund um flexible Arbeitszeiten und Homeoffice spielen ebenso eine Rolle.

Was reizt Sie an der Verkehrsforschung?

Die Vielseitigkeit. Verkehrsforschung ist ein Mix von quantitativen Daten und Fragestellungen, die jeden betreffen. Schon als Schülerin fand ich sowohl Mathematik, Physik als auch wirtschaftliche und sozialwissenschaftliche Zusammenhänge spannend.

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Ich treffe gern Freunde und mag Gesellschaftsspiele. Auch Yoga mache ich gerne. Außerdem finde ich das Kulturangebot in Berlin großartig.

 

Das Interview führte Sylvia Nitschke für Adlershof Journal

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