Kunst aus der Kaserne: Ein Hauch New York am Groß-Berliner Damm

30. April 2013

Kunst aus der Kaserne

Ein Hauch New York am Groß-Berliner Damm

Künstler mit vielen Ideen: Juliana da Costa José, Nic Daniel und Alexander Leggin (v. l . n. r.)

Künstler mit vielen Ideen: Juliana da Costa José, Nic Daniel und Alexander Leggin (v. l . n. r.)

Truppenraum Entstörer steht an der Tür. Ein Überbleibsel vergangener Tage. Von 1993-1999 nutzte die Telekom die Räume. Davor die deutsche Wehrmacht, die russische Armee und die DDR-Staatssicherheit. Anschließend stand das Gebäude über zehn Jahre leer. Seit August 2012 zieht in dem Gebäude des ehemaligen Flugplatzes Johannisthal wieder Leben ein. Mehr als 80 Künstler haben hier inzwischen ihre Atelierräume eingerichtet. Die Idee zur Kunstkaserne Berlin (KKB) – einem Künstlerhaus – am Groß-Berliner Damm hatte Juliana da Costa José, Malerin und Holzbildhauerin. Für die Kunst bleibt ihr seitdem nur noch wenig Zeit.

Vom Fenster blickt Juliana da Costa José auf den Kühlturm. „Wenn der gereinigt ist, kann man darin sogar baden“, sagt sie. Zukunftsmusik. Daneben der Schrottplatz im alten Flugzeughangar, wo der eine oder andere Künstler das Material für seine Kunst besorgt. Im Hof steht das alte Casino, noch mit DDR-Möbeln drin. Ein guter Veranstaltungsort. Auch Zukunftsmusik. Da Costa José hat viele Ideen. Ideen, für die man momentan noch einige Vorstellungskraft braucht. Die ehemalige Wehrmachtskaserne hat baulich bessere Zeiten gesehen, nur das Notwendigste ist von den Besitzern – einer Erbengemeinschaft – investiert worden. Doch gerade das Rohe, Ungeleckte hat die Künstlerin inspiriert. Sie mag diesen Ort. Ohne Schnickschnack, der neue Kunstszenekiez Neukölln ganz in der Nähe, genau wie die S-Bahn.

Es ist ein Spagat. Kunst und Verwaltung, das schließt sich fast von selbst aus. Verwaltungsregeln sorgten dafür, dass da Costa José ihren alten Atelierplatz verlor. Sie musste sich umsehen. Wie fast 6.000 andere Berliner Künstler, die auf der Suche nach bezahlbaren Ateliers sind. Verwaltungsregeln verhinderten auch einen neuen Ateliermietvertrag. In ihrer Kunstkaserne ist sie selbst so eine Art Verwaltung. Sie hat einen Projektvertrag geschlossen für Vermietung, Kunsthandel und Galerie. Sie vermittelt Räume an Künstler, hält den Kontakt zum Vermieter, sorgt für kleine Reparaturen und die Einhaltung der Hausregeln im Atelierhaus. Eine ganz neue Erfahrung. Denn Künstler haben starke Egos, dazu kulturell ganz unterschiedliche. Die prallen hin und wieder aufeinander. Und auch die Lebensstile führen manchmal zu Kontroversen. „Aber wir vermieten hier keinen Wohnraum, sondern Ateliers“, sagt da Costa José. „Meine Künstler sollen sich hier entwickeln können, Klienten und Sammler empfangen.“

Alexander Leggin sitzt in der Lounge, einem noch spärlich möblierten Raum. Seit Mitte 2012 ist der amerikanische Künstler aus Washington D.C. in Berlin. Als einer der ersten hat er hier im Oktober ein Atelier bezogen. „Das Licht ist super“, sagt Leggin, „und der Preis.“ Die Lounge ist sein Lieblingsplatz, ein Ort der Kommunikation. Hier treffen sich die Künstler aus Italien, Mexiko, Kuba, den USA oder Kamerun, tauschen sich aus. Leggin nutzt für seine Kunst Foto- und Videoschnipsel von Freunden und macht daraus Ölgemälde. Seit Anfang April stellt er das erste Mal in Berlin aus.

Auch Nic Daniel aus New York ist begeistert. Ein wenig New York spürt er auch an diesem Ort. Das New York der 1980er und 1990er, als er in den Musikstudios von Madonna arbeitete. Auch Christian Pilz und Sebastian Menzke haben hier ihre Ateliers. Pilz, in England geboren, studierte an der Hochschule der Künste in Berlin, war Meisterschüler bei Leiko Ikemura. Seine zeichnerischen Arbeiten wurden in Galerien und Kunstmuseen in Berlin, Japan, New York oder Russland ausgestellt. Nebenan macht Bodyart-Künstlerin Frida Weber Kunst auf Haut und in einem etwas abgeschotteten Teil des Komplexes sind die „lauteren“ Künste – Bildhauerei und Musik – untergebracht.

Da Costa José ist in München in einer Künstlerfamilie aufgewachsen. Vom Vater, einem Bildhauer für sakrale Kunst, der heute in Los Angeles lebt, hat sie früh das anatomische Zeichnen und sein Handwerk gelernt. Das schwierige Verhältnis zu den Eltern treibt sie nach Berlin. „Der Kopf war leer“, sagt sie, „ich konnte keine Kunst mehr machen.“ Sie macht stattdessen Technomusik mit Freunden, ein Praktikum in den Bavaria Filmstudios, will Musikvideos drehen, arbeitet als Location-Scout, fotografiert Hip-Hop-Künstler. Später schreibt sie Artikel über Film und Fernsehen für die Online-Enzyklopädie Wikipedia, steigt auf in den Vorstand Deutschland und wird Vizechefin des Wikipedia-Weltkongresses 2010. Doch hier fühlt sie sich wie ein „Rädchen“. Kunst macht sie da nur noch nebenbei. 2012 findet sie die alte Kaserne und hat die Idee. Seitdem ist es nicht viel besser geworden mit der Zeit für ihre eigene Kunst.

„Aber es wird besser“, sagt da Costa José. In Zukunft will sie sich wieder mehr der Malerei widmen. Ein Zyklus zum Thema Hölle. In dem soll es aber nicht um „die Hölle Verwaltungsarbeit“ gehen, sondern um religiöse „Blut und Boden-Rhetorik“.

Von Rico Bigelmann für Adlershof Journal

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