Pandemie, aber keine „Infodemie': Dr. Peter Strunk über den Umgang mit Fake News

27. April 2020

Pandemie, aber keine „Infodemie“

Dr. Peter Strunk über den Umgang mit Fake News

Fake News Illustration, D. Mahnkopf © WISTA Management GmbH

Illustration: Dorothee Mahnkopf © WISTA Management GmbH

Ob Leugner des Klimawandels, Wahlkampfbeeinflusser oder Neonazis, die gegen Flüchtlinge hetzen – eines ihrer wichtigsten Instrumente zur Manipulation der Öffentlichkeit sind Fake News und Verschwörungstheorien, die hauptsächlich übers Internet und die Sozialen Medien Verbreitung finden. Auch zu Beginn der Corona-Krise heizten Falschmeldungen weltweit die Stimmung an. Inzwischen dringen diese bei den Menschen jedoch nicht mehr durch, weil Virologen und nicht Ideologen Aufmerksamkeit genießen. Öffentlich-rechtliche Sendeanstalten, Zeitungen und Zeitschriften erfreuen sich wieder eines enormen Zuspruchs. Wird dieser Trend anhalten?

Als Mitte März 2020 die Corona-Pandemie auf uns zurollte, folgte ihr eine zweite Welle der Fake News und der Desinformation. Es schien, als erwarteten Populisten aller Couleur, Rechtsextremisten, Verschwörungstheoretiker, Sekten und Obskuranten ihre große Stunde. Die Redaktion der „Süddeutschen Zeitung“ hielt es für angebracht, ihrer Leserschaft am 16. März 2020 eine „Anleitung“ zur Entlarvung von Falschmeldungen in den „Social Media“ zu geben. Man solle „niemals im Affekt etwas veröffentlichen, auch wenn dafür schon ein Klick auf ‚Teilen‘, ‚Weiterleiten‘ oder ‚Retweet‘ genügen würde.“ Es wurde empfohlen, Behauptungen „mit zwei verlässlichen Quellen“ zu überprüfen und keine Kettenbriefe auf den Weg zu bringen. Tags darauf warnte die Zeitung eindringlich, eine „Infodemie“ sei genauso gefährlich wie die Pandemie selbst.

Die „Süddeutsche Zeitung“ ist ein Leitmedium, aus dem sich die Entscheidungsträger dieser Republik bevorzugt informieren. Insofern ist es bedenklich, wenn die Redaktion ihre überwiegend gebildete Leserschaft an etwas erinnern muss, was jedem Mensch mit Abschluss von Schule und Universität geläufig sein sollte: der Fähigkeit zum kritischen Umgang mit Informationen.

Wir leben in einer Informationsgesellschaft. Noch nie prasselte auf uns so viel Information ein wie heute – rund um die Uhr, auf allen Kanälen. Vor allem das Internet bietet in seinen Filterblasen für jeden Geschmack das Passende an, Hauptsache es erzielt Aufmerksamkeit. Diese lässt sich auch mit Fake News, Verschwörungstheorien, Hass und Hetze erzielen.

Jetzt in der Krise kommt der Umschwung: Der Zukunftsforscher Matthias Horx wagte bereits einen „Rückblick“ auf die Zeit der Pandemie und prognostiziert, dass Fake News „rapide an Marktwert“ verloren haben, ebenso Verschwörungstheorien, „obwohl sie wie saures Bier angeboten wurden“. In der Tat: Während im Internet unverdrossen ein Feuerwerk an Falschmeldungen abgebrannt wird, kehren die Menschen in Scharen zu den klassischen Medien zurück – allein zwölf Millionen Menschen schauten sich am 22. März 2020 die „Tagesschau“ an. Wir sind von der „Infodemie“ verschont geblieben. Holger Stark schrieb in der Wochenzeitung „Die Zeit“: „Journalismus ist eben nicht das ungeprüfte Weiterverbreiten des jüngsten Gerüchts, Journalismus ist Überprüfung, Verifikation, Einordnung.“ Verschwörungstheorien seien dagegen oft zynisch, „fast immer ohne Substanz.“

Eine Erkenntnis können wir schon heute aus der Krise mitnehmen: Wer wirklich informiert sein will, braucht seriöse Quellen. Das haben inzwischen sogar die Internetkonzerne verstanden. Wer auf einer der einschlägigen Internetplattformen das Wort „Coronavirus“ eingibt, wird auf Seiten wie die des „Robert-Koch-Instituts“ oder des Bundesgesundheitsministeriums Medien geführt. Justus Bender kommentierte dies am 21. März 2020 in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ mit klaren Worten: „Die Algorithmen tun, was sie sonst nie getan haben: Sie unterdrücken Schwachsinn.“

Wird dieser erfreuliche Trend anhalten? Werden auch in Zukunft die Falschmeldungen aus dem Netz gefischt? Oder werden die Netzbetreiber wieder in alte Gewohnheiten zurückfallen – wie wir auch? Werden die Wissenschaftler als Aufklärer und Faktengeber und wir alle dafür Sorge tragen, dass die digitalisierte auch eine informierte Gesellschaft ist? Daher sollten wir ein Interesse an einer gesunden Medienlandschaft haben, denn nichts wertet unsere Botschaften mehr auf als eine Überprüfung durch eine kritische und unabhängige Presse.

Von Dr. Peter Strunk für Adlershof Journal

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