Physik ist Bewegung
Allison Pinto geht neue Wege in der Wissenschaftskommunikation
Wo befinden wir uns im Universum? Was ist Relativität? Um diese und andere physikalische Fragen zu verstehen, geht Allison Pinto neue Wege in der Wissenschaftskommunikation. Sie entwickelte unterhaltsame Formate für YouTube, Instagram und TikTok – und veranstaltet Tanzprojekte mit Schülerinnen und Schülern.
Als Kind wollte Allison Pinto Ärztin werden. Doch schon zu Beginn des Medizinstudiums stellte die gebürtige US-Amerikanerin fest, dass es nicht das Richtige für sie war: In den Biologie-, Anatomie- und Physiologiekursen musste sie viel auswendig lernen, aber auf ihre Fragen nach dem „Warum“ bekam sie nicht die Antworten, die sie suchte. Warum funktioniert eine Zelle? Warum gibt es Photosynthese? Warum hat die DNA ihre typische Helixform? „Ich will mir nicht nur etwas merken, ich will es verstehen, wirklich tief verstehen“, sagt Pinto. Sie vermisste die Mathematik und entschied sich schließlich für Physik, ein wissenschaftliches Fach, das Antworten versprach, zumindest vorläufige.
Auch ihr Weg nach Deutschland hatte mit Physik zu tun. Während ihres Studiums an der University of Washington in Seattle beschloss sie, Deutsch zu lernen. „Es gibt in der Physik Lehnwörter aus dem Deutschen, Begriffe wie ‚Ansatz‘ oder ‚Gedankenexperiment‘ – und natürlich große Namen wie Albert Einstein oder Lise Meitner“, sagt Pinto. Ein Austauschprogramm führte sie nach Heidelberg. Aus einem Semester wurden drei, aus dem Auslandsaufenthalt der Beginn einer akademischen Karriere. Nach dem Bachelor in Heidelberg folgten ein Master an der Ludwig-Maximilians-Universität München und die Promotion an der Humboldt-Universität zu Berlin, die sie 2023 abschloss. Inzwischen ist sie auch Verwaltungsleiterin des Instituts für Physik.
Heute beschäftigt sich Pinto nicht nur mit mathematischer Physik, sondern auch mit der Frage, wie sie anderen Menschen zugänglich gemacht werden kann. Wie gelingt es, in der Kürze komplizierte Sachverhalte gut zu erklären? „Wir brauchen in der Wissenschaftskommunikation Werkzeuge wie Metaphern und Analogien“, sagt Pinto und verdeutlicht es am Beispiel von Gravitationswellen. Sie entstehen, wenn zwei schwere Massen, etwa Schwarze Löcher, aufeinandertreffen. Sie stören die Raumzeit, genauso wie sich auf der Wasseroberfläche Wellen bilden, wenn ein Stein in einen Teich fällt. Die Analogie ersetzt die Physik nicht, aber sie eröffnet einen Zugang zu einem komplizierten Thema.
Diese Idee des Wissenstransfers funktioniert auch in den sozialen Medien. Pinto ist, obwohl sie den Begriff nicht besonders mag, eine „Sciencefluencerin“. In kurzen Videos erklärt sie physikalische Zusammenhänge, meist auf Englisch und oft in weniger als zwei Minuten. Begonnen hat das alles während der Pandemie, als sie gemeinsam mit einigen Kommiliton:innen des Graduiertenkollegs „Rethinking Quantum Field Theory“ in einem YouTube-Kanal namens „Non-Standard Models“ ihre Forschungsarbeiten präsentierten, danach folgten kurze Videos auf Instagram und TikTok. Heute hat die Physikerin wissbegierige und neugierige Follower auf der ganzen Welt, in den USA, Indien, Brasilien, Großbritannien und auch hier in Deutschland.
Dabei geht es nicht nur um Unterhaltung und Verständlichkeit. Die Physikerin findet es gesellschaftlich sehr wichtig, dass Wissenschaft in den sozialen Medien stattfindet. „Social Media ist ein Ort, an dem sich Fake News und Verschwörungstheorien verbreiten – und deshalb muss die Wissenschaft dort unbedingt präsent sein“, sagt sie mit Nachdruck.
Seit gut einem Jahr interessiert sie sich stärker für Formate, bei denen Menschen einander direkt begegnen, zum Beispiel beim Workshop „WisTanz“, ein Tanzprojekt an Schulen, das mit dem Institut für Kulturtechnik entstand. Pinto arbeitet mit ihrer Kollegin Valentina Forini und der Choreografin Irina Demina zusammen. Eigentlich ist es so naheliegend, denn „Physik ist Bewegung“, sagt Pinto. Wo befinden wir uns im Universum? Wie bewegen sich Planeten und kleinste Teilchen? Was bedeutet Relativität? Die Kinder stellen Fragen und versuchen, Antworten körperlich auszudrücken. So werden abstrakte Sachverhalte plötzlich sehr anschaulich und auch die Merkfähigkeit erhöht sich. Das Konzept richtet sich an Schülerinnen und Schüler von der dritten bis zur sechsten Klasse. Denn Wissenschaftskommunikation sollte nicht erst im Studium ansetzen, davon ist die Physikerin überzeugt: „Es sollte früher beginnen – möglichst bevor das Handy zum wichtigsten Informationskanal werde.“
Heike Gläser für Adlershof Journal
Dr. rer. nat. Allison Pinto - Humboldt-Universität zu Berlin
