Seid mütterlich! Eigennutz versus Fürsorge: Essay von Lea Streisand, Schriftstellerin und Kolumnistin bei Radio Eins

05. Januar 2021

Seid mütterlich! Eigennutz versus Fürsorge

Essay von Lea Streisand, Schriftstellerin und Kolumnistin bei Radio Eins

Illustration Mut: D. Mahnkopf © WISTA Management GmbH

Illustration: Dorothee Mahnkopf © WISTA Management GmbH

Liebe Freunde, es tut mir sehr leid, aber je länger ich über das Wort Mut nachdenke, umso bekloppter finde ich es. Was ist denn Mut? Bin ich mutig? Seid ihr es?

„Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“1, schrieb der Philosoph Immanuel Kant 1784 und machte den Satz zum Leitgedanken der Aufklärung. Schluss mit den Lügen des finsteren Mittelalters, her mit der leuchtenden Vernunft!

Blöd nur, dass die Teilnehmer der sogenannten Hygienedemos sich den schönen Satz auf die Fahnen schreiben, mit denen sie gegen die Einschränkung ihrer Grundrechte protestieren, also gegen das Tragen von Masken, die Schließung von Eckkneipen und die Absage von Fußballspielen. Und dabei fühlen sie sich total mutig. Mein Onkel Georg ist auch so einer. Er ist Veranstalter und palavert von „Berufsverbot“.

Da krieg ich Kopfschmerzen vom Augenrollen. Corona ist da und lässt sich nicht wegdiskutieren. Mut hilft da nicht weiter. Der noch amtierende US-Präsident hält sich bestimmt auch für mutig, weil er keine Maske trägt und seine eigene Meinung über die einer Mehrheit von Menschen stellt, die ihn abgewählt haben. So verhalten sich die Wagemutigen. Sie überwinden Widerstände, stellen sich dagegen und machen bekloppte Sachen. Mein Onkel Georg ist zum Beispiel schon mal über einen Dachfirst balanciert. Einfach um zu beweisen, dass er es konnte. Er hat es geschafft. Aber wenn er abgestürzt wäre, hätten wir den Dreck wegmachen müssen. Das ist das Problem mit Wagemut: Es ist mir zu emotional, zu heroisch und zu wenig vernünftig, kurz: zu egoistisch.

Kennt ihr die Geschichte vom „Kleinen Angsthasen“? Sie geht so: „Es war einmal ein kleiner Angsthase, der wohnte bei seiner lieben Oma, die leider auch sehr ängstlich war.“2 Der kleine Angsthase ist ein dickliches Hasenkind, das vor so ziemlich allem Angst hat (Wasser, Hunde, Dunkelheit, ältere Jungen) und deshalb am liebsten mit dem kleinen Ulli spielt, einem Babyhasen, der ihm nicht gefährlich werden kann. Doch eines Tages kommt der Fuchs ins Dorf und fängt den kleinen Ulli. Und der kleine Angsthase? Tut, was getan werden muss, verdrischt den Fuchs und rettet den kleinen Ulli. Danach kriegt er vom Bürgermeister eine Medaille umgehängt, auf der steht „Für Mut“. Dabei hat der kleine Angsthase doch einfach nur das Naheliegende getan und seinen Freund beschützt. Er war „hohen muotes“, wie es in den Minnesängen des Mittelalters heißt.

Wenn ich überlege, ob ich etwas wagen soll, wäge ich ab, was passiert, wenn ich scheitere. Wie hoch ist der Verlust und wer wird in Mitleidenschaft gezogen? Für den kleinen Angsthasen ist die Frage schnell beantwortet. Wenn er scheitert, wird der kleine Ulli gefressen. Und wenn er nichts tut auch. Er hat also nichts zu verlieren. Außer den kleinen Ulli… Ihr versteht, was ich meine.

Wisst ihr, wo das Wort Mut noch drinsteckt? In „Mutter“. Einer der stärksten Menschen, die ich kenne, ist meine Freundin Frieda. Sie ist einen Meter fünfzig groß, Brillenträgerin, hat früh ihre Eltern verloren und lebte allein mit ihrer älteren Schwester. Frieda hat ganz allein das Abitur geschafft, die Welt bereist, studiert, sich einen Job gesucht und eine Familie gegründet. Weil sie es wollte und weil es das Richtige war. Frieda ist mit uns feiern gegangen, hat sich betrunken und ist auch mal mit dem Falschen im Bett gelandet. Aber sie hat nie gehadert. Einfach, weil sie es sich nicht leisten konnte. Frieda musste so früh Verantwortung für sich selbst übernehmen, dass sich ihr bestimmte Fragen gar nicht gestellt haben. Während wir gegen unsere Eltern rebellierten und die Schule schwänzten, packte Frieda, sobald sie 18 war, ihre Sachen und zog in eine neue Wohnung, weg von ihrer Schwester. Dann packte sie die Kiste mit den Schulsachen wieder aus und lernte weiter für die nächsten Prüfungen.

Nun hat sie sich von ihrem Freund getrennt und ist mit ihrer Tochter in eine neue Wohnung gezogen. Weil der Typ sie betrogen hat. Er hat die Nachbarin geschwängert. Einfach ganz mutig die eigene Freundin mit der Frau eine Tür weiter betrogen. Donald Trump und Onkel Georg würde das sicher gefallen. Friedas Freund versteht die Welt nicht mehr. Sitzt auf dem Sofa mit einem Joint in der Hand und verliert gerade den nächsten Job auf dem Bau, weil er den Arsch nicht hochkriegt.

Frieda hat es jetzt gereicht. Sie hat das einzig Richtige getan. Für sich und ihre Tochter. Sie war nicht mutig, sondern mütterlich. Sie hat Verantwortung übernommen.

 

1 Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?
   In: Berlinische Monatsschrift, hrsg. v. F. Gedike u. J. E. Biester, 12/1784.

2 Elizabeth Shaw: Der kleine Angsthase. Berlin 1964.

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