Überschussstrom für Stromer: Im Forschungsprojekt FlexNet4E-Mobility werden Strategien für eine nachhaltige Mobilität entwickelt

27. August 2019

Überschussstrom für Stromer

Im Forschungsprojekt FlexNet4E-Mobility werden Strategien für eine nachhaltige Mobilität entwickelt

BTB-Ladesäule © WISTA Management GmbH

Aufgetankt: Holger Röntgen (l.) und Johannes Hinrichsen an der BTB-Ladesäule © WISTA Management GmbH

Geplante Standorte zur Installation von Ladepunkten

Sind die Netze ausgelastet, dann wird die regenerative Stromerzeugung gedrosselt. Im Forschungsprojekt FlexNet4E-Mobility entwickelt ein Konsortium um den Berliner Energieversorger BTB Strategien, um den überschüssigen Wind- und Solarstrom zum Laden von Elektrofahrzeugen nutzbar zu machen. Der Teufel steckt im Detail.

„Was kostet es, ein Elektroauto aufzuladen?“ Johannes Hinrichsen und Holger Röntgen antworten prompt: „Etwa zehn Euro bei heutigen Batteriekapazitäten“. Das klingt gut. Aus Verbrauchersicht. Für Betreiber von Ladesäulen ist der Preis dagegen problematisch. Denn solange Elektrofahrzeuge in der Nische bleiben, macht sich die Investition in Ladeinfrastruktur allenfalls groschenweise bezahlt. An mancher Säule hält nur alle paar Tage ein Stromer, lädt einige Stunden und bleibt dann oft noch eine Weile stehen. Andere Elektromobilisten tanken gleich daheim an der Steckdose.

Kann sich das „rechnen“? Diese Frage beschäftigt Röntgen und Hinrichsen. Sie koordinieren auf Seiten der BTB Blockheizkraftwerks-Träger- und Betreibergesellschaft mbH Berlin das Forschungsprojekt FlexNet4E-Mobility. Gemeinsam mit Forschern der Technischen Universität Berlin (TU), der BTB-Tochter Energienetze Berlin, der WISTA Management GmbH und der österreichischen NEW ENERGY Capital Invest suchen sie nach Strategien für eine nachhaltige Elektromobilität in Adlershof. Die Frage der Wirtschaftlichkeit drückt. Denn im Projekt geht es um ein großes Ziel: Überschüssiger regenerativer Strom soll Elektroautos antreiben.

Strom, der heute gar nicht erst produziert wird, wenn Betreiber ihre Wind- und Solaranlagen wegen Netzüberlastung vom Netz nehmen müssen. Die Idee, Batterien von Elektroautos damit zu laden, liegt nahe. Doch das seit Anfang 2017 laufende Projekt zeigt, dass die Sache komplex ist. Grundlegende Analysen zur Nachfrage nach Ladestrom, zur Parkinfrastruktur und zum Stromnetz in Adlershof, zu den vorhandenen Ladesäulen und sinnvollen Ergänzungen in Parkhäusern oder an Straßenlampen bringt das Projektteam in Einklang mit Analysen zur Verfügbarkeit von Überschussstrom. „Aus Zeitreihen und Ausbauszenarien wissen wir, dass die Überschussstrommengen begrenzt sind. Gleicht man sie mit üblichen Ladeprofilen ab, dann wird klar, dass sich Überschuss- und Ladezeiten nur zu weniger als 20 Prozent überschneiden“, erläutert Projektleiter Röntgen.

Um den Wert auf 30 oder möglichst sogar 40 Prozent zu steigern, prüfen die Forscher verschiedene Ansätze. Stationäre Batterien sollen den Strom puffern. Gesteuertes Ladeverhalten und intelligente Regelungsstrategien könnten ebenfalls helfen. Denn Überschussstrom fällt ja gerade dann an, wenn die Stromnetze hoch belastet sind. „So wünschenswert es ist, so viel Strom wie möglich in Fahrzeuge zu laden, so sehr würde genau das die Netze überfordern“, erklärt Hinrichsen, der bei der BTB den Bereich Energiewirtschaft leitet. Simulationen der TU-Forscher sollen klären, wie Regeltechnik diesen Widerspruch abfedern kann und wie viel stationärer Pufferspeicher sinnvoll ist, um Überschussstrom so effizient wie irgend möglich zu nutzen. Bis Ende 2020 sollen Ergebnisse vorliegen. Dann endet das Projekt.

Doch was werden die Adlershofer davon mitbekommen? „In den nächsten Monaten werden wir gemeinsam mit der WISTA sieben Ladepunkte an vier Standorten einrichten“, sagt Röntgen. In einer weiteren Stufe eruiert das Projekt das Zusammenspiel von einfachen 3,7-kW-Ladepunkten, 22-kW-Schnellladesäulen und Hochleistungs-Gleichstrom-Ladepunkten am BTB-Umspannwerk nahe der Stadtautobahn. Deren Umsetzung steht und fällt allerdings mit der Eingangsfrage. Um wirklich Überschussstrom in großem Stil nutzen zu können, müssten die preisgünstigen Ladevorgänge neben den Ladesäulen auch die stationären Batterien refinanzieren. Und das dürfte schwierig werden. „Wir konzentrieren uns vorerst auf die vier Standorte, die günstig erschließbar sind. Für alles Weitere suchen wir den Austausch mit Adlershofer Firmen, die sich für Elektromobilität interessieren oder bereits Elektrofahrzeuge betreiben“, erklärt Hinrichsen. Wer sich angesprochen fühlt, sei herzlich zu den Workshops eingeladen, die die BTB gemeinsam mit der WISTA zum Thema organisiert.

Von Peter Trechow für Adlershof Journal

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