Urbane Kinetose: Plötzlich ist alles elektrisch – E-Auto, e-Roller, E-Scooter, E-Zigarette, E-Motion. Essay von Matthias Gerschwitz

28. August 2019

Urbane Kinetose

Plötzlich ist alles elektrisch – E-Auto, e-Roller, E-Scooter, E-Zigarette, E-Motion. Essay von Matthias Gerschwitz

Illustration: D. Mahnkopf

Illustration: D. Mahnkopf

„Mobil mit Mobilat” lautete in den 1990er Jahren der Werbeslogan für eine Salbe, die schmerzenden Muskeln und Gelenken nach sportlicher Betätigung wieder Entspannung und Erleichterung verschaffen sollte. Im letzten Jahrtausend gab es nämlich noch einen inneren Zusammenhang zwischen Mobilität und Körpereinsatz. Das begann schon vor dem verzückten Ausruf stolzer Eltern: „Schau mal, Maxi kann schon laufen!”, den man auch heute noch gerne hört, und endete noch lange nicht beim ersten Spaziergang auf dem Mond, dessen jährliche Wiederkehr wir in diesem Jahr zum fünfzigsten Male feiern.

Heute dagegen ist plötzlich alles elektrisch: E-Auto, E-Roller, E-Scooter, E-Zigarette, E-Motion. Ja, in der Tat: E-Motion. Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs „Emotion” wird langsam, aber sicher zurückgedrängt. Gefühl ist out – elektrische Fortbewegung, übernehmen Sie! Und das ist erst der Anfang. »Endlich haben wir ein Auto, das uns nicht gehört«, lese ich auf Plakaten an den U- und S-Bahnhöfen zwischen Charlottenburg und Adlershof – auch wenn ich die Strecke lieber per pedales zurücklege und mich nach 45 km hin und zurück an einer gediegenen Endorphinvergiftung berausche.

Der genannte Slogan erinnert mich an die unsägliche „Geiz ist geil”-Kampagne eines Elektronikmarktes, die den Verbraucher nachhaltig gelehrt hat, dass der Preis eines Produkts oder einer Dienstleistung kleiner zu sein hat als der Wert – was insbesondere Handwerker und Fachgeschäfte in ihren Existenzgrundlagen erschütterte. Auf eine ähnliche Bauchregion zielt auch der Satz, mit dem der Anbieter einer E-Auto-Flotte wirbt. Nicht-Besitz bedeutet Nicht-Verantwortung – oder kurz: Wenn mir etwas nicht gehört, muss ich mich nicht drum kümmern. Korrekt parken? Pfleglich behandeln? Defektes reparieren? Nö! Wozu auch? Gehört mir doch nicht! Das Motto lautet: „Nach mir die Sintflut”. Ein solches Verhalten führt nicht nur die Sharing-Idee ad absurdum, sondern sorgt auch dafür, dass Berlin zusehends zu einem Ort stetig steigenden urbanen Mobilitätsmülls verkommt.

Ich erinnere mich an Zeiten, in denen eine Bewegung noch etwas Pro-Gesellschaftliches im Sinn hatte, wie z. B. die Frauen-, die Schwulen- oder die Friedensbewegung. Bewegung hatte ein Ziel, Bewegung verhieß Fortschritt. Heute ist Bewegung als Synonym für Mobilität von der Gesellschaft abgekoppelt: Car-Sharing-Fahrzeuge sind zu oft nur mit einer Person besetzt. Segways, Scooter oder Fahrräder „to share“ sind per se Fortbewegungsmittel für Einzelkämpfer. Was soll erst werden, wenn Autos autonom fahren können? Stehen sie leer im Stau? Immerhin wären sie dann in der Lage miteinander zu kommunizieren.

Quo vadis, Gaia? Da gehen wir auf dem Mond spazieren, entwickeln Rover, Kamera- und Spektrometersysteme zur Erforschung noch entfernterer Planeten – und kriegen doch den eigenen Globus nicht in den Griff. Denn Klima ist nicht das einzige drängende Problem.

Apropos entfernte Planeten: Der Mars ist in Adlershof kein Unbekannter. Der gleichnamige Schokoriegel wahrscheinlich auch nicht. Kennen Sie noch die alte Werbung? „Mars bringt verbrauchte Energie sofort zurück”. Was haben wir uns amüsiert! Besser gefällt mir aber der 1975 entstandene Reim „Mars macht mobil – bei Arbeit, Sport und Spiel”. Wäre das nicht ein passender Slogan für ein Nachhaltigkeitskonzept? Adlershof hat sich noch nie vor der Verantwortung gedrückt. Weder bei der Arbeit noch bei Sport oder Spiel. Warum sollte das beim Thema „Mobilität” anders sein?

Wo auch immer Sie hinwollen: Kommen Sie gut voran!

Matthias Gerschwitz ist Kommunikationswirt, Buchautor und Kabarettist. Am 13. September um 17 Uhr liest er in der Britzer Weinkultur, Koppelweg 70, 12347 Berlin: »… von Wein, Berlin und anderem Rausch« – Texte aus eigener Feder, von Kurt Tucholsky, Mark Twain und anderen Wortkünstlern.

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