Von den Verlockungen und Fallstricken des Internets: Essay von Peter Strunk, promovierter Historiker und Bereichsleiter für Kommunikation in der WISTA-MANAGEMENT GMBH

10. Januar 2018

Von den Verlockungen und Fallstricken des Internets

Essay von Peter Strunk, promovierter Historiker und Bereichsleiter für Kommunikation in der WISTA-MANAGEMENT GMBH

Illustration: Dorothee Mahnkopf. © Adlershof Journal

Illustration: Dorothee Mahnkopf. © Adlershof Journal

Gehe ich ins Internet, muss ich wissen, wonach ich suche. Eine Reise ins Internet ist wie eine Fahrt ins Unendliche. Ich steige irgendwo ein, weiß aber nicht, woher der Zug kommt und wohin er fährt. Es ergießen sich immer neue Sturzbäche an Informationen in den Raum. Ich bin verloren, wenn ich ziellos im Netz „surfe“, von Stichwort zu Stichwort mich treiben lasse. Denn im Internet kann jeder etwas deponieren, so wie es ihm in den Sinn gekommen ist. Die Verlockungen des Netzes machen uns, wie der Internetpublizist Sascha Lobo schreibt, zu disziplinlosen digitalen Streunern.

Die Aufforderung zur Dauerkommunikation behindert uns bei der Arbeit und hält uns von Kreativität ab. Die Stärke des Internets ist seine Schnelligkeit. Sie ist aber auch seine größte Schwäche. Es gibt kein Gestern und Morgen mehr. Uns läuft die Zeit davon, auch wenn wir meinen, mit dem Zeitalter der Beschleunigung mithalten zu können. Das können wir aber nicht. E-Mails versetzen uns in ständige Alarmbereitschaft; es gibt nur noch ein unerbittliches „jetzt, gleich, sofort“. Wer allerdings ständig im Alarmzustand lebt, verpasst am Ende den Ernstfall.

Das Internet ist eine Welt am Draht, so angelegt, dass niemand den Stecker ziehen kann, weil ihn niemand mehr findet. Die ursprüngliche Idee war es, ein weltweites Kommunikationssystem aufzubauen, das auch noch funktioniert, nachdem ein atomarer Weltenbrand den Globus in Schutt und Asche gelegt hat. Will das Internet aus sich heraus Weisheit zutage fördern, müsste es Mechanismen geben, die dort für Ordnung, Relevanz und Richtigkeit dessen sorgen, was aus der Summe der Einträge entsteht. Das Netz müsste übersichtlicher werden. Es müsste sich eine glaubwürdige Instanz durchsetzen, die Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Das Netz müsste „berechenbar“ und damit kontrollierbar werden. Das aber widerspricht dem Grundgedanken des Netzes.

Der heutige Umgang mit dem Netz setzt voraus, dass man als Nutzer einzuschätzen vermag, ob die gebotene Informationzuverlässig oder, um es in der Sprache der Wissenschaft auszudrücken, beleg- und damit beweisbar ist. Dies setzt Erfahrung im kritischen Umgang mit Quellen voraus, was man in der Schule, besser noch auf der Universität lernt. Viele Texte bei „Wikipedia“ mögen von guter Qualität sein. Wer aber sagt mir, dass ich mich auf deren Inhalt verlassen kann? Sind die Aussagen mit Quellen hinreichend belegt? Den meisten Netznutzern scheint das egal zu sein. Sie nehmen jede Aussage für bare Münze; Hauptsache, sie kostet nichts.

Das Internet ist längst keine soziale Veranstaltung mehr, sondern eine kommerzielle Angelegenheit. Suchmaschinen sind Unternehmen, die Gewinne machen. Nach welchen Kriterien sie Informationen auswerten und auswählen, bleibt ihr Betriebsgeheimnis. Als Nutzer sollte man wissen, dass eine Suchmaschine ihre Ergebnisse nicht neutral auswählt. Heute bestimmen Algorithmen, welche Informationen die Nutzer erreichen. Die Welt wird mit mathematischer Präzision sortiert. Die alles bestimmenden Algorithmen bemessen den Wert einer Nachricht bevorzugt daran, wie viele andere sie angeklickt haben, denn das erzeugt Datenverkehr („Traffic“), der wiederum für die Werbewirtschaft interessant ist. Sie sucht Kunden. Darum geht es im Netz. Nur darum. Das sollte man wissen, wenn man sich im Netz tummelt.

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