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20. Januar 2023

„Wir spielen keine Nebenrolle, sondern eine der Hauptrollen“

Anne Becker vom Adlershofer Fundus über die Gemeinsamkeiten mit Sophie Linnenbaums hierarchischer Filmwelt in „The Ordinaries“

Lost in beige? Fundus-Chefin Anne Becker behält den Überblick © WISTA Management GmbH

Ein Besuch des Adlershofer Fundus ist überwältigend. Auf knapp 4.000 Quadratmetern finden sich im Keller der Ernst-Augustin-Straße 7 unter anderem Königskronen und Ritterrüstungen, Schilder von Bushaltestellen, alte Bücher, Taschen, Radios, Fernseher aus sieben Jahrzehnten, alte Schreibmaschinen und Koffer. Anne Becker, die Leiterin des Adlershofer Fundus, half bei der Ausstattung von Produktionen wie „Leander Haußmanns Stasikomödie“, „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ und „Der Palast“. Fast beiläufig erwähnt sie, dass der massive Holztisch, an dem wir gerade vorbeistreifen, für die Produktion des vierten „John Wick“-Films mit Keanu Reeves benutzt wurde.

Hellhörig wurde Becker, als Kostümbildnerin Sophie Peters für die Gesellschaftssatire „The Ordinaries“ (Filmstart: 30. März 2023) auch den Fundus in Adlershof wählte. Denn „The Ordinaries“ spielt direkt in der Filmwelt. Und diese besteht aus Haupt- und Nebenfiguren, manche Figuren leben als „Outtakes“ am Rande der Gesellschaft, weil sie aus dem Hauptfilm geschnitten wurden. Für Becker war es eine große Freude, Peters bei ihrer Arbeit zu unterstützen: „Ich war sehr neugierig, wie Sophie Peters das Thema als erfahrene und kreative Kostümbildnerin umsetzt. Die Herausforderung war, wie man die üblichen gestalterischen Mittel des Kostümbildners für eine Hauptrolle nutzt, die im Film eine ,Nebenfigur‘ darstellt.“

Im Mittelpunkt der Filmhandlung steht Paula (Fine Sendel). Ihre Rolle steht noch nicht fest, deshalb besucht sie die Hauptfigurenschule, um später ganz groß rauszukommen. Paula begibt sich auf die Suche nach ihrem ganz persönlichen Soundtrack. Doch bis dahin klingt sie verstimmt, die Farbe ihrer Haut und ihrer Kleidung sind blass. Ein Kniff von Kostümbildnerin Sophie Peters, „anhand der Kostüme die hierarchische Ordnung der Figuren im Film sichtbar zu machen. Es gibt Bekleidungscodes für die verschiedenen Gruppen, die klar erkennbar sind.“ So tragen Hauptfiguren im Gegensatz zu den Nebenfiguren Kostüme in satten Farben und rücken somit schnell in den Mittelpunkt: „In ihrer aufwendigeren Schnittgestaltung finden sich mitunter Referenzen zu den recht konservativen 1950er/60er Jahren. Aber hinter den perfekten Bildern und mitreißenden Tanz- und Gesangsaufritten verbirgt sich die soziale Unterdrückung der anderen“, erklärt Peters. Die Hauptfigur steht an erster Stelle.

Becker strahlt: „Das ist natürlich spannend, weil die Handlung etwas wiedergibt, was wir auch im Fundus erleben. Je nachdem, ob das Kostüm für eine Haupt- oder Nebenrolle verwendet wird, wird es extra angefertigt, umgenäht oder einfach angezogen. Nebenrollen hingegen sind nicht so aufwendig.“ Sie nennt als Beispiel das Kostüm von Paulas Mutter (Jule Böwe). Becker läuft auf eine Hundertschaft von Mänteln zu. Beige mit Knopfleiste, ohne Knopfleiste, lang, mittellang, kurz. Welcher der Mäntel es in den Film schaffte, bestimmte Peters. Die Kostümbildnerin entschied sich für einen leicht ausgestellten Mantel mit einem schlichten Schnitt. Durch Farbe und Form verschwimmt die Nebenfigur fast mit ihrer Umgebung.

Durch Sophie Linnenbaums Abschlussfilm „The Ordinaries“ entdeckte Sophie Peters den Fundus für sich. „Ich arbeite sehr gerne mit dem Adlershofer Fundus zusammen, nicht nur aufgrund der großen Auswahl von Kostümen, sondern auch, weil Anne Becker flexibel auf die individuellen Bedürfnisse des Projektes eingeht.“

Auch Becker schätzt die Zusammenarbeit mit Sophie Peters sehr. Leider, so Becker, sei der Wert des Fundus nicht allen Produktionsteams bewusst. Oft werde der Fundus in der Budgetplanung stiefmütterlich behandelt. „Ich hatte schon den Fall, das für einen Abschlussfilm bei 12.000 Euro Gesamtbudget circa 4.000 Euro fürs Catering eingeplant waren und nur 800 Euro fürs Kostüm. Leider ist das keine Seltenheit“, erklärt Becker. Aber, mahnt sie: „Wir spielen keine Nebenrolle, sondern eine der Hauptrollen bei der Ausstattung von Filmen.“

Das ausgefallene Narrationskonzept von Linnenbaum kommt gut an. „The Ordinaries“ wurde auf dem Filmfest München mit dem Förderpreis Neues Deutsches Kino für die beste Regie und für die beste Produktion ausgezeichnet und gewann den First Steps Award. Außerdem lief der Film im internationalen Wettbewerb in Karlsbad auf dem Internationalen Filmfestival Karlovy Vary. Dass Anne Becker ihren wesentlichen Teil dazu beitragen konnte, freut sie sehr. „Mir liegt der Nachwuchs sehr am Herzen und es ist schön, wenn der Fundus als eines der vielen Zahnrädchen zum Gelingen des Filmes beitragen konnte.“

Susanne Gietl für Adlershof Journal

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