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03. Mai 2012

Die Familie und das Filter

Fuss-Gruppe im Baufieber

Bild: © Adlershof Journal
Sie wächst und wächst. Seit Familie Keddig vor 14 Jahren die Max Fuss GmbH übernahm, hat sie die darbende Traditionsfirma zur dynamischen Unternehmensgruppe entwickelt. Gleich neben dem neuen Firmensitz im Technologiepark Adlershof wird schon die nächste Baugrube ausgehoben. Geplant hat den Neubau wie schon die vorigen Bauabschnitte die Vollack GmbH – ein weiteres Erfolgsunternehmen in Familienhand.
Drei Unternehmer an einen Tisch zu bekommen – das kann dauern. Diesmal geht es fix. Volker, Katharina und Christoph Keddig arbeiten alle in der Johann-Hittorf-Straße 6. Alle drei, also Vater, Mutter und Sohn, führen jeweils Unternehmen der Fuss-Gruppe. Angefangen hat es 1998. Nach Stationen als Fertigungs-, Technischer Leiter und zuletzt Geschäftsführer in verschiedenen Berliner Technologieunternehmen besann sich Volker Keddig auf seinen alten Traum vom eigenen Unternehmen. Die Gründung wurde aber eine Übernahme. Er nahm einen Kredit auf und kaufte die Max Fuss GmbH. Der Berliner Traditionsbetrieb hatte bessere Tage gesehen. Gründer Max Fuss trieb Anfang des 20. Jahrhunderts dem elektrischen Licht das Flackern aus, er ertüftelte einen Spannungsregler, der Stromgeneratoren nachgeschaltet wurde. Der Spannungsregler war seine Erfindung, darauf hatte er ein Reichspatent. Bis tief in die 60er-Jahre waren seine im Millisekundentakt klickernden Regler gefragt.

Filter nicht von der Stange
Dann kam der Transistor. Statt mechanisch wurde ab diesem Zeitpunkt elektronisch geschaltet, um Spannungsschwankungen im 50-Hz-Netz zu beheben. Der Betrieb sattelte notgedrungen auf andere Produkte wie Transformatoren und Funkentstörfilter um. Diese wurden mit dem Durchbruch leistungselektronischer Antriebe auf einmal ganz wichtig. Denn ungefiltert verursachen deren Frequenzregler Störungen im Netz, die sich unter anderem beim Radioempfang bemerkbar machen. Als dann in den 90er-Jahren die CE-Kennzeichnung kam, war die Fuss-Expertise gefragt. Gerätehersteller mussten nun die elektromagnetische Verträglichkeit (EMV) – oder auch Funkentstörung – ihrer Geräte nachweisen. „Damals brauchten plötzlich alle Filter, die es nicht von der Stange gab“, so Volker Keddig. Jedes Filter müsse auf Basis vorheriger Messungen an „sein“ Gerät angepasst werden. „Diesen Aufwand zu rechtfertigen, war in etwa so schwer, wie den Kunden klarzumachen, dass es in der Elektrotechnik das Filter und nicht der Filter heißt“, lacht er.

Angesichts der günstigen Rahmenbedingungen war Volker Keddig 1998 überzeugt, dass die Max Fuss GmbH mehr Potenzial hatte, als ihr damaliger Eigentümer herausholte. Mit 14 Mitarbeitern und kaum zwei Millionen D-Mark Umsatz ging es ums Überleben. Keddig bot sich nach reiflicher Überlegung und langen Gesprächen mit seiner Frau als Käufer an. „Ein halbes Jahr später hatten wir unser eigenes Unternehmen“, berichtet er.

Gute Mitarbeiter brennen auf Entwicklungschancen
Christoph Keddig war da noch Teenager. Er jobbte beim Vater, betreute Webseiten und Warenwirtschaftssysteme. Heute, nach Lehre, BWL-Studium und sechs Jahren bei einem Automobilzulieferer sitzt er als Juniorchef mit am Tisch und wirft sich im Gespräch die Bälle mit seinem Vater zu. Mutter Katharina bleibt nur kurz. Termine rufen. Sie hat in den letzten Jahren die Personalabteilung der Gruppe zu einer eigenen Firma ausgebaut. Ihre GESAA Service GmbH rekrutiert ständig Ingenieure und spezialisierte Facharbeiter für die Fuss Gruppe und für externe Kunden. Teils bleiben sie für einzelne Projekte dort, teils für immer.
„Für uns ist das eine Möglichkeit, Personalentwicklung wie ein sehr viel größeres Unternehmen zu betreiben“, sagt sie. Im Firmengebäude finden regelmäßig Trainings und Schulungen statt. Gute Mitarbeiter brennen auf Entwicklungschancen. Die Keddigs haben das erkannt und räumlich wie organisatorisch die Voraussetzungen dafür geschaffen.

Betriebsklima stimmt
Gemeinsam leben, lernen und arbeiten. Das ist das Leitmotiv ihrer Firma. Sommermöbel auf den Dachterrassen laden zum Pausenschnack oder abendlichen Zusammensitzen ein. In Gängen und Räumen stellen regelmäßig junge Künstler aus – was das Betriebsklima laut Vater Keddig spürbar belebt hat. Den Bau hat die Familie zusammen mit Experten der Vollack GmbH geplant. Gut 300 Mitarbeiter, die Hälfe davon Architekten und Ingenieure, sind darauf spezialisiert, die Pläne und Ideen – ja das Unternehmerleben von Familien wie den Keddigs in Baupläne und letztlich in Gebäude zu übersetzen. Das fängt oft mit einem weißen Blatt Papier an und endet nicht bei der Auswahl der Möbel oder der Beleuchtung.

Vollack baute und plante einst das Schiffshebewerk Niederfinow. Die Wirren des Krieges trieben das Unternehmen von Stettin nach Karlsruhe. Seit 1. Januar ist es zurück im Osten. Die frisch eröffnete Niederlassung in Adlershof soll das Grundkonzept der Partnerschaft auf Augenhöhe verstärkt für Berliner und ostdeutsche Familienunternehmen zugänglich machen. Laut Bernd Haase, Leiter der neuen Niederlassung, unterscheiden sich die Familienunternehmen-Kunden in vielerlei Hinsicht von anderen Bauherren: „Sie denken langfristiger, bringen mehr Emotionen in Projekte ein und legen großen Wert auf lebenswerte Arbeitsräume“.

Lebenswerte Arbeitsräume
Nachvollziehbar. Auch für die Keddigs ist ihr Firmengebäude eine Art zweites Zuhause. Aber wie schafft eine Familie den Spagat zwischen Beruf und Privatleben? –„Es ist kein Spagat. Arbeit und Leben sind eine Einheit“, sagen Vater und Sohn unisono. Die Firma profitiert von der Vertrautheit ihrer Lenker und den kurzen Entscheidungswegen. Einen Abend im Monat sitzen sie zu dritt beisammen und reden nur übers Geschäft. Tauschen aus, was in den vier Unternehmen der Gruppe läuft. Besprechen etwaige Probleme. Und entwickeln Strategien. Aus einst 14 sind heute 165 Mitarbeiter in der Firmengruppe geworden. Tendenz steigend. Das Kerngeschäft EMV brummt. Dezentralisierung der Energieversorgung, Elektromobilität, die immer weitere Ausbreitung elektrischer Antriebssysteme sorgen für Nachfrage nach der Expertise und nach den in Adlershof gefertigten Filtern der Fuss-Gruppe. Ob in Lasern, Wechselrichtern für Solaranlagen oder Windenergieanlagen, ob in Hybridfahrzeugen oder Ladesäulen für Elektroautos– überall steckt die Technik der Adlershofer drin.

Schlüssel zum Erfolg ist die individuelle Betreuung und Beratung der Kunden. „Wenn Sie einem Kunden wie Trumpf tausende Filter für Hochpräzisions-Laser verkaufen, dann muss die Applikation glatt laufen“, stellt der Senior klar. Er habe nach der Übernahme als erstes den Messbereich aufgestockt, um Kunden die Filtersysteme auf ihre Geräte „schneidern“ zu können. Wo einst ein Mitarbeiter für Messungen und Entwicklung zuständig war, sind heute sieben Mitarbeiter ständig und einige weitere zeitweise damit beschäftigt.

Voraussetzung: exaktes Messen
„Wer EMV richtig machen will, muss in jedem Projekt zuerst exakt messen. Nur auf dieser Basis lassen sich die richtigen Filter entwickeln“, erklärte er. Für Gerätehersteller ist dieses Vorgehen ebenso wichtig  wie für die Sicherheit der Stromversorgung. Jedes einzelne leistungselektronische System – ob im Bereich Erneuerbarer Energien, in elektronischen Geräten von Computer über Spülmaschine bis Werkzeugmaschine oder in Elektroautos und ihren Ladesäulen, belastet die Stromnetze mit Resonanzen und Störfrequenzen. Wo im Normalfall 50 Sinuskurven pro Sekunde die Netze durchlaufen, irrlichtern gestauchte Zwischenkurven oder asynchron höhere Ausschläge herum – sogenannte Blindleistung.
Keddig sitzt als Experte in mehreren Arbeitskreisen, die Strategien wider den Kollaps der Stromnetze entwickeln. Und er geht das Problem unternehmerisch an. „Wir befassen uns intensiv mit aktiven Filtern“, erklärt er. Es reiche künftig nicht mehr, Störfrequenzen passiv auszuregeln. Das Tempo der millionenfachen Störquellen, die Wechselwirkungen in den Netzen erfordern neue Maßnahmen. Die aktiven Filter messen und ermitteln in Echtzeit mit eigens entwickelten Algorithmen die jeweilige Gegenschwingung, um die Störungen zu neutralisieren. „Genau diese speist das Filter als Kompensationsstrom ins Netz ein“, so der Experte. 

Richtige Technik zur rechten Zeit
Das neueste Produkt der Fuss Gruppe schließt so den Kreis zur Erfindung des Gründers Max Fuss: damals wie heute baut das Berliner Unternehmen Spannungsregler. Bloß dass die neuen 100 Ampere Hightech-Regler rund 10.000 € kosten und zunächst die Größe eines Kühlschranks hatten. Mittlerweile sind sie auf Gefrierfachgröße geschrumpft.
Während sich die aktiven Systeme bisher auf Ebene der Niederspannungsnetze bis 690 Volt bewegen, strebt das Unternehmen nun den Sprung auf Mittelspannungsnetze bis 25.000 Volt an. „Die Probleme gibt es weltweit in allen Netzen“, erklärt Christoph Keddig, „und sie sich werden in den kommenden Jahrzehnten mit der weiteren Dezentralisierung der Stromerzeugung und dem Einstieg in die Elektromobilität zuspitzen“. Solange große Kraftwerkgeneratoren mit 50 Hz neben Photovoltaik- und Windenergieanlagen arbeiten, sind Netzprobleme vorprogrammiert. Aktive Regler können Abhilfe schaffen – und so gehen die Familienunternehmer davon aus, dass ihre Technologie den Weg aus Adlershof in viele Länder der Welt finden wird. „Wir haben die richtige Technik zur rechten Zeit“, ist Volker Keddig überzeugt. Weltweit ist die Energiewende in vollem Gang. Doch sie kann und wird nur gelingen, wenn es intelligente Lösungen zur Stabilisierung der Netze gibt. 

Dass die Keddigs ihr Unternehmen von Hermsdorf nach Adlershof umsiedelten, hat sich ebenfalls bewährt. Einerseits, wegen der nahen Hochschul- und Forschungsinstitute, die den Fachkräftemangel entschärft, andererseits wegen der Nähe zu Kunden und Partnern aus der Solarbranche. Und nicht zuletzt, weil das Unternehmen hier genug Platz hat, um zu wachsen. Produktion und Lager brauchen Fläche. „Wir haben eine Fertigungstiefe von 80 Prozent“, berichtet der Junior. Verlagerung nach China oder Osteuropa sei in ihrem Metier wegen des Dreiklangs aus Messen, Auslegen und Fertigen undenkbar. Wenn es arg eilt, können Kunden zuweilen noch am selben Tag ihr fertiges, individuell angepasstes System mitnehmen. Andere verlangen zur Absicherung ihrer Großserienproduktion, dass die Berliner Puffer von mehreren Tausend Filtern anlegen. 

Dass sich der nun nach Plänen der Vollack GmbH in Angriff genommene Bauabschnitt III ihrer Zentrale zügig mit Leben und Arbeit füllen wird, steht für das Unternehmertrio außer Frage. Denn Netzqualität, Elektromobilität auf Schiene und Straße und das weite Feld der Erneuerbaren Energien bescheren dem Unternehmen reichlich Arbeit im In- und Ausland.  Die Perspektive ist klar: „Wir sind noch lange nicht ausgewachsen“.

von Peter Trechow

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