Auf Spurensuche im Anthropozän: Der Geographieprofessor Jonas Østergaard Nielsen untersucht Landnutzungs­veränderungen im Zeitalter der Globalisierung

04. Januar 2021

Auf Spurensuche im Anthropozän

Der Geographieprofessor Jonas Østergaard Nielsen untersucht Landnutzungs­veränderungen im Zeitalter der Globalisierung

Jonas Østergaard Nielsen © WISTA Management GmbH

Jonas Østergaard Nielsen schaut genau hin auf Ursache und Wirkung bei Landnutzungs­veränderungen © WISTA Management GmbH

Bananenplantagen Laos © Til Jonas

Reiche Ernte, armes Land: Bananenplantagen im Muang-Long-District in Laos © Til Jonas

„Heute gibt es auf dieser Welt nichts mehr, das von menschlichen Einflüssen unberührt bleibt“, sagt Jonas Østergaard Nielsen. Umweltverschmutzung, Artensterben, Klimawandel – die Spezies Mensch gestalte den Planeten um, greife in immer mehr natürliche Prozesse ein. Das aktuelle Erdzeitalter heißt Anthropozän. Wie sich dabei lokale Entscheidungen in Politik und Wirtschaft auf die Landnutzung in anderen Staaten auswirken, erforschen der Geograph und sein Team mithilfe des Telecoupling-Ansatzes. Ihr Ziel: Kausalketten und Mechanismen globaler Verflechtung aufzudecken – und somit einen Beitrag dazu zu leisten, dass Nachhaltigkeitsziele nicht nur beschlossen, sondern auch erreicht werden.

Veränderungen in Politik und Wirtschaft wirken sich hauptsächlich auf die Region aus, in der sie stattgefunden haben. So lässt sich am Nationalstaat orientiertes Denken skizzieren, das häufig auch Forschungsansätzen zugrunde liegt. Wo aber im Zuge der Globalisierung die Produktion und der Konsum von Gütern zunehmend entkoppelt sind, sieht die Realität ganz anders aus. „Lokale Veränderungen, zum Beispiel in der Landnutzung, entstehen heute durch komplexe Wechselwirkungen, die institutionelle, räumliche und zeitliche Grenzen überwinden“, erläutert Nielsen. Und das ist ein Problem, denn „das macht es unheimlich anspruchsvoll, Ursachen und Wirkungen ins Verhältnis zu setzen und somit auch politische Maßnahmen zu entwickeln, mit denen regulierend eingegriffen werden kann.“

Licht ins Dunkel bringen könnte Telecoupling – ein relativ neuartiger Forschungsansatz, der wissenschaftliche Methoden aus unterschiedlichen Disziplinen kombiniert. Diesen Ansatz entwickeln Nielsen und sein Team derzeit weiter. Im Rahmen des von der Europäischen Kommission geförderten Forschungsprojekts „Coupled“ untersuchen hier Forschende in vierzehn Promotionsprojekten, was zu Landnutzungsveränderungen in verschiedenen Weltregionen führt und wie sich diese Veränderungen auf andere Regionen auswirken. Zum Beispiel auf die Luang-Namtha-Provinz in Laos, Südostasien. In der Grenzregion zu Myanmar und China wurde lange Zeit vorwiegend Reis angebaut, seit einigen Jahren aber schwinden dort die Reisfelder, weichen Bananenplantagen. „Immer mehr Land wird von chinesischen Investoren gepachtet, die die Früchte nach China exportieren,“ sagt Nielsen. Wie kommt es dazu?

„Voraus ging ein Aufruf der chinesischen Regierung an ihre Staatsbürger, diese sollten täglich Bananen zur Erhaltung ihrer Gesundheit essen.“ Dadurch, berichtet der Professor, entstand eine hohe Nachfrage in China, die zunächst überwiegend mittels Importen von den Philippinen bedient wurde. „2012 beschränkte China den Import aus den Philippinen und begründete das mit dem Auftreten eines Pilzes, der sogenannten Panamakrankheit.“ Die eigentliche Ursache des Embargos sei aber vermutlich gar nicht der Pilz, sondern der geopolitische Konflikt zwischen China und den Philippinen gewesen, die über Territorialrechte im südchinesischen Meer aneinandergeraten waren. Nun wurden in China die Bananen knapp, Auftritt Laos: Dort spielte die Pest noch keine Rolle, der Handel mit Bananen erschien als lukrativeres Geschäft als die auf Reis beruhende Subsistenzwirtschaft, es kam zu vermehrter Umwandlung von Reisfeldern zu Bananenplantagen. Doch das blieb nicht folgenlos.

„Die neuen Monokulturen belasten nicht nur die Böden, sondern gefährden auch die lokale Versorgung mit dem Grundnahrungsmittel Reis“, sagt der Geograph. Die laotische Regierung versuchte einzugreifen, sei aber an den komplexen, informellen Landbeschaffungs­maßnahmen der chinesischen Investoren gescheitert. „Laos zeigt, Regierungen haben heute einen schweren Stand, wenn lokale Veränderungen auf komplexe Telecouplings zurückzuführen sind: Die Verhältnisse sind zunächst undurchsichtig, die sozioökonomischen und politischen Treiber einer Entwicklung häufig räumlich weit entfernt von denjenigen, die die Folgen tragen.“

Ähnliche Konstellationen finden sich heute überall auf der Welt. Von der in Deutschland beliebten Ananas mit Biosiegel, die auf Paletten aus illegal geschlagenem Tropenholz transportiert wird, bis hin zu nachhaltigen Pflanzungen in Indonesien, die zu vermehrter Palmölproduktion in Monokultur auf Borneo führen. „Ein weiteres aktuelles Beispiel: Weil die chinesische Bevölkerung wohlhabender geworden ist, gibt es in China eine höhere Nachfrage nach Schweinefleisch, was eine vermehrte Produktion in Europa zur Folge hat. Das wiederum führt zu gesteigerter Rodung von Regenwäldern in Argentinien, denn auf diesen Flächen wird Soja angebaut, um die Schweine zu füttern.“ Allerorts zeige sich: Lokale Veränderungen haben im 21. Jahrhundert meist komplexe, globale Ursachen – und wenn eine Region die Produktionsbedingungen verbessert und Umweltverschmutzung minimiert, verlagern sich die überkommenen Praktiken häufig an einen anderen Ort.

„Sicherzustellen, dass für die Produktion von Gartenmöbeln keine Orang-Utans sterben und Kleidung nicht mithilfe von Kinderarbeit hergestellt wird, ist eine echte Herausforderung“, resümiert der Geograph. Einen Grund zu resignieren erkennt er darin aber nicht, offenbart stattdessen aktivistischen Geist: Der Wissenschaftler plädiert für bessere Aufklärung und für mehr Engagement – auch auf Seiten der Forschung. „Der Telecoupling-Ansatz kann uns helfen, die Akteure zu identifizieren und zu verstehen, wie diese Dynamiken funktionieren. Das Ziel muss sein, mit den Treibern solcher Entwicklungen in Dialog zu treten und gemeinsam Veränderungen anzustoßen.“

Von Nora Lessing für Adlershof Journal

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