Berlins vergessene Traumfabrik: Vor 100 Jahren wurden die Johannisthaler Filmanstalten (Jofa) gegründet

25. Februar 2020

Berlins vergessene Traumfabrik

Vor 100 Jahren wurden die Johannisthaler Filmanstalten (Jofa) gegründet

Verwaltungsgebäude der Tobis-Ateliers in Johannisthal

Das Jahr 1920 begann für das Deutsche Reich mit einschneidenden Veränderungen. Am 10. Januar trat der Versailler Vertrag in Kraft. In den Landgemeinden Johannisthal und Adlershof am südöstlichen Rande Berlins brachte er das Aus für etliche der hier ansässigen Flugzeugwerke. Der Vertrag von Versaille verpflichtete im Artikel 198 Deutschland zur Demontage aller Militärflugzeuge und verbot den Wiederaufbau von Luftstreitkräften. Was tun mit den gerade eben errichteten modernen Montagehallen? Diese Frage stellte sich auch der Gründer und Eigentümer der Albatros-Flugzeugwerke, Dr. Enno Walther Huth. Im Unterschied zu manch anderem Fabrikanten fand Huth schnell eine Antwort: Schon am 20. Januar 1920 gründete er als Tochterunternehmen seiner Firma die Johannisthaler Filmanstalten (Jofa).

Gerade einmal einhundertzwanzig Tage später, am 19. Mai 1920, fiel die erste Klappe. Regisseur Arthur Günsburg drehte mit der Österreicherin Maria Zelenka in der Hauptrolle das Stummfilm-Drama „Verkommen“. Walther Huth hatte – so zeigte sich bald – eine Marktlücke gefunden und besetzt.

Die Jofa war nicht nur eine für Deutschland einmalige Atelier-Vermietungsgesellschaft, sondern seinerzeit auch das größte Kunstlichtatelier der Welt, wo verschiedene Filmproduzenten modernste Arbeitsbedingungen vorfanden. Um die vierhundert Stummfilme sollen hier gedreht worden sein, darunter bis heute gefeierte Klassiker wie „Nosferatu“ von Friedrich Wilhelm Murnau. Letzter Stummfilm aus Johannisthal war 1929 „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ von Regisseur Phil Jutzi nach einer Idee des Zeichners Heinrich Zille mit der Musik von Paul Dessau.

Anfang der 1930er Jahre übernahm die Tobis das Gelände. In den Folgejahren ging, stand, saß, tanzte und sang nahezu die gesamte Elite des deutschen Kinos vor den Kameras in der Jofa: Asta Nielsen in ihrem einzigen Tonfilm, Hans Albers in seinem ersten, der große kleine Tenor Joseph Schmidt lässt von hier aus sein Lied um die Welt gehen. Theo Lingen, Gustaf Gründgens, Marianne Hoppe, Heinz Rühmann – sie alle drehen hier. Bis 1945 war die deutsche Filmindustrie – und damit auch die Jofa – Teil des nationalsozialistischen Propagandaapparates.

Ab Juni 1945 wurden im Hauptgebäude sowjetische Dokumentar- und Spielfilme synchronisiert. Aus diesen Anfängen entwickelte sich das DEFA-Studio für Synchronisation, welches alle ausländischen Spielfilme für die Kinos und das Fernsehen der DDR bearbeitete. Von 1946 bis 1961 drehte die DEFA hier knapp fünfzig Spielfilme, ehe 1962 der Deutsche Fernsehfunk in die Ateliers einzog. Nun wurden u. a. Fernsehfilme der Reihen „Weimarer Pitaval“, „Der Staatsanwalt hat das Wort“ und „Polizeiruf 110“ produziert, dazu kamen Mehrteiler wie „Wege übers Land“.

Anfang der 1990er Jahre gelangten Gelände und Einrichtungen in den Besitz der Kirch-Gruppe. Parallel zu Synchronarbeiten erfolgte ab 1995 der Abriss sämtlicher Gebäude. Heute erinnern lediglich das ehemalige Hauptgebäude der Jofa in der Straße am Flugplatz und ein Anfang der 1950er Jahre gebautes Schneidehaus der DEFA an die über siebzigjährige Johannisthaler Filmgeschichte.

„Berlins vergessene Traumfabrik – Johannisthaler Filmgeschichte(n)“ heißt das Buch, das am 28. April 2020 zum einhundertsten Geburtstag der Jofa vorgestellt wird. Geschrieben hat es Wolfgang May, der sich wie kein anderer seit vielen Jahren tiefgründig mit der Historie des Filmstandorts beschäftigt. Abgerundet wird die Geburtstagsfeier im Forum Adlershof selbstredend mit einem Film aus der Jofa. „Der Tiger von Eschnapur“ ist ein Monumentalfilm von Regisseur Joe May (nicht mit dem Buchautor Wolfgang May verwandt) aus dem Jahre 1921. Live am Klavier begleitet wird das abenteuerliche Geschehen auf der Leinwand von Deutschlands bekanntestem Stummfilmkomponisten und -pianisten, Stephan Graf von Bothmer.

Von Harry Mehner für Adlershof Journal

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