Brisante Themen beim Dissertationspreis in Berlin Adlershof: Prof. Frensch, Vizepräsident für Forschung der HU, warnte vor zunehmender Infragestellung wissenschaftlicher Erkenntnisse

16. Februar 2017

Brisante Themen beim Dissertationspreis in Berlin Adlershof

Prof. Frensch, Vizepräsident für Forschung der HU, warnte vor zunehmender Infragestellung wissenschaftlicher Erkenntnisse

Dissertationspreis Adlershof

Unter welchen Bedingungen gedeiht Narzissmus? Wie lässt sich Zensur im Internet umgehen? Wie funktioniert chemische Synthese ohne Lösemittel und Hitze? Alles hochaktuelle Fragen. Antworten darauf gaben am 15. Februar 2017 in Berlin Adlershof zwei Nachwuchswissenschaftlerinnen und ein Nachwuchswissenschaftler in jeweils 15-minütigen Vorträgen:

  • „Geschüttelt, nicht gerührt – Chemie in der Kugelmühle“
    Chemie kann so einfach sein: Zwei Pulver in eine Kugelmühle geben, kräftig schütteln und schon entsteht eine neue Verbindung. Dr. Franziska Fischer konnte durch Echtzeitüberwachung die Reaktionswege solcher mechanochemischen Synthesen aufdecken. Ihre Dissertation am Institut für Chemie der Humboldt-Universität und an der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung leistet einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung umweltverträglicher und kosteneffizienter Synthesemethoden. 
  • „Der Narzisst in uns.“
    Narzissten sind von ihrer Grandiosität überzeugt, fordern permanente Bestätigung ihrer Umwelt ein und können auf Kritik sehr dominant reagieren. Narzissmus tritt aber nicht nur in dieser Extremform auf. Dr. Ulrike Maaß erforschte in ihrer Dissertation am Institut für Psychologie der HU die Ausprägungen narzisstischen Verhaltens in sozialen Interaktionen. Mit ihrem Modell NARCIS (NARCissism In Situations) konnte sie narzissmusfördernde bzw. -reduzierende Bedingungen nachweisen.
  • „Wie ich Tor zuerst torpediert und dann renoviert habe“
    Internetanonymisierungsdienste gewinnen zunehmend an Bedeutung. Beispielsweise können sie in restriktiven politischen Systemen dazu dienen, Zensur zu umgehen. Ein Problem dieser Dienste ist ihre hohe Netzwerklast. Dr. Florian Tschorsch untersuchte das am weitesten verbreitete System „Tor“ (The Onion Router) und entwickelte Lösungen zur Optimierung dessen Performanz und Sicherheit. Seine am Institut für Informatik der HU entstandenen Doktorarbeit hat bereits zu praktischen Verbesserungen des Anonymisierungsdienstes geführt.

Zur Begrüßung sprach u.a. Professor Dr. Peter Frensch, Vizepräsident für Forschung der Humboldt-Universität zu Berlin. Er mahnte: „Nur durch die Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse an andere Menschen, auch außerhalb der Forschungseinrichtungen, können Entscheidungen auf Basis von Fakten, nicht Fake, getroffen werden.“

Grußwort von Prof. Frensch anlässlich der Verleihung des Adlershofer Dissertationspreises:

Sehr geehrte Gäste,

ich darf Sie alle – und ganz besonders die Hauptpersonen unserer heutigen Veranstaltung: die Nominierten Frau Dr. Fischer, Frau Dr. Maaß und Herrn Dr. Tschorsch – ganz herzlich willkommen heißen zur Verleihung des „Dissertationspreis Adlershof für 2016“! Ich freue mich, dass Sie [so zahlreich] gekommen sind, um auch in diesem Jahr wieder „hervorragende Forschung – erstklassig präsentiert“ zu erleben. 

Hervorragende Forschung, was bedeutet das eigentlich? Der Begriff Forschung stammt vom Althochdeutschen forscōn und bedeutete ursprünglich ausforschen, bitten oder fragen. Hinter hervorragender Forschung steckt deshalb nicht zuletzt, intelligente Fragen zu stellen und sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden zu geben. 

Besonders in den letzten Monaten konnten wir beobachten, dass allzu leichte Antworten und Meinungen auch zu politisch fragwürdigen Entscheidungen führen können. Shawn Otto – US-amerikanischer Wissenschaftsjournalist – beschreibt den Angriff auf wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse sehr unverblümt als „The War on Science“. In seinem im vergangenen Jahr unter diesem Titel erschienenen Buch erläutert er die Gefahren, die von einer zunehmenden Infragestellung wissenschaftlicher Fakten ausgehen. Unterschiedlichste Absichten bewegen Vertreterinnen und Vertreter von Interessengruppen in den USA dazu, beispielsweise Zweifel am Klimawandel oder an der Evolutionstheorie zu äußern. Meinungen werden salonfähig und Fakten diskutierbar. 

Ganz neue Begriffe müssen für diesen Prozess geschaffen werden, der längst auch Deutschland erreicht hat: Postfaktisch als Wort des Jahres 2016 beschreibt das Zeitalter, in dem nicht mehr hervorragende Forschung, sondern Fake News die Basis unserer Entscheidungen sind. 

Doch gegen falsche Informationen sollen nun Gesetze geschaffen werden und Anti-Fake-News Einheiten zur Identifizierung von irreführenden Nachrichten werden diskutiert. Auch in den Vereinigten Staaten mehrt sich der Widerstand, nicht erst seitdem unter Präsident Donald Trump auch Organisationen wie die US-amerikanische Umweltschutzbehörde ihre Daten vor der Veröffentlichung bei der Regierung vorlegen sollen. Es formiert sich ein Protest. Dieser Protest geht nicht allein von Forscherinnen und Forschern aus, sondern hat längst auch außerhalb der akademischen Welt Menschen erreicht, die wissenschaftliche Ergebnisse wertgeschätzt und anerkannt sehen möchten. 

Für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland erwächst aus dem hohen demokratischen Gut der freien Kunst, Wissenschaft, Forschung und Lehre auch eine Verantwortung. Nur durch die Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse an andere Menschen, auch außerhalb der Forschungseinrichtungen, können Entscheidungen auf Basis von Fakten, nicht Fake, getroffen werden. Dabei ist es natürlich nicht immer einfach, komplexe Sachverhalte kurz und anschaulich zu vermitteln. Aus diesem Grund bin ich bin sehr erfreut, dass sich heute drei Nominierte dieser Herausforderung stellen und uns ihre hervorragende Forschung präsentieren werden! 

Einige unter Ihnen kennen das Format des Dissertationspreises Adlershof vielleicht noch nicht, deshalb noch ganz kurz ein paar erläuternde Worte dazu: Die Humboldt-Universität, die IGAFA und die WISTA rufen die Adlershofer Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer alljährlich auf, bis zum 1.11. ihre besten Doktorandinnen und Doktoranden für diesen Preis zu empfehlen. Aus den eingehenden Empfehlungen nominiert die Jury, die aus jeweils 2 Vertretern der veranstaltenden Einrichtungen besteht, dann 3 Nachwuchsforscher bzw. Nachwuchsforscherinnen. 

Diejenigen, die diese erste Hürde genommen haben, laden wir ein, ihre Doktorarbeit öffentlich zu präsentieren. Und hier folgt nun die zweite Hürde: Es geht heute darum, dass die Nominierten das Thema, das sie mehrere Jahre lang gründlich und in aller Tiefe erforscht haben, einem Publikum, das hier in Adlershof zwar überwiegend mathematisch-naturwissenschaftlich vorgebildet oder zumindest interessiert, aber natürlich nicht immer Fachpublikum ist, verständlich und (bitte!) auch kurzweilig zu präsentieren. Und das in 15 Minuten. 

Bevor ich Herrn Panne das Wort übergebe, lassen Sie mich abschließend noch allen aktiv Beteiligten herzlich danken – den Nominierten, den Juroren und dem Organisationsteam. Freuen wir uns gemeinsam auf einen spannenden Wettstreit. 

Herzlichen Dank.

 

Der mit 3.000 € dotierte Dissertationspreis Adlershof wird seit 2002 jährlich von der Humboldt-Universität zu Berlin, der Initiativgemeinschaft Außeruniversitärer Forschungseinrichtungen in Adlershof e.V. (IGAFA) und der WISTA-MANAGEMENT GMBH verliehen.

Weitere Informationen: www.adlershof.de/dissertationspreis

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