Ein Blick zurück: Filmemacher Lutz Pehnert über die Ansagerinnen des DDR-Fernsehens und andere Ostgeschichten

04. Juli 2016

Ein Blick zurück

Filmemacher Lutz Pehnert über die Ansagerinnen des DDR-Fernsehens und andere Ostgeschichten

Filmemacher Lutz Pehnert. Bild: © Adlershof Journal

Bild: © Adlershof Journal

Die jungen Frauen gaben dem DDR-Fernsehen ein Gesicht, sie prägten das Fernsehgeschehen und wurden für viele zu „guten Bekannten“ in der eigenen Wohnstube. Einige waren Krankenschwestern, Lehrerinnen oder Ärztinnen. Den Beruf der Fernsehansagerin übten sie nebenbei aus. Regisseur und Autor Lutz Pehnert erzählt in seinem Film „Die Schönen von Adlershof“ viele Geschichten und Anekdoten aus der mitunter langen Fernsehkarriere der Damen und gewährt einen spannenden Einblick hinter die Kulissen des DDR-Fernsehens. Und auch der Grimme-Preisträger selbst wäre damals beinahe beim Fernsehen in Adlershof gelandet.

Pehnert sitzt auf gepackten Koffern. Es geht auf eine filmische Reise in zwei Etappen: zunächst nach Klaipeda in Litauen und später ins russische St. Petersburg. Deren ersten Abschnitt von Potsdam an die Memel nimmt Pehnert für den Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) auf. Derzeit filmt er ein Porträt über die Schauspielerin Katrin Sass. Er erzählt in seinen Filmen gern von Menschen, sagt er. Zehn Tage verbringe man für so ein Porträt mit diesem Menschen, da lernt man sich ganz gut kennen. Den Versuch, in dieser Zeit „ein Bild von der Person hinzukriegen“, findet Pehnert reizvoll.

„Hochpeinlich“, dagegen, erinnert sich Pehnert, war sein eigener kurzer Ausflug in die Moderatorenszene. Für die Unterhaltungssendung „Brücken und Mühlen der DDR“ moderierte er und sprach den Kommentar. „Ein Desaster, das im DDR-Fernsehen lief“, schmunzelt er. Elke Bitterhoff, Programmsprecherin des 2. DDR-Fernsehens, hatte ihm vorgeschlagen, einen Test als Ansager zu absolvieren. Beim Casting empfiehlt man ihm Sprecherziehung, trotzdem landet die Casting-Kassette in der Unterhaltungsredaktion, die Pehnert engagiert. Es bleibt der einzige Ausflug vor die Kamera.

Dem Medium Fernsehen ist er treu geblieben, und auch dem Thema, dem Osten. Dem nähert er sich oft über Menschen, wie bei den Adlershofer Fernsehansagerinnen oder der Dokumentation „Die Ostdeutschen“ von 2014. Gemeinsam mit einem Regiekollektiv wirft Pehnert einen Blick auf 25 Jahre Nicht-DDR in Ostdeutschland und zeichnet 25 unterschiedliche Biografien und Haltungen zu einem dokumentarischen Gemälde. Ob für ostdeutsche Künstlerporträts in „Deutschland deine Künstler“, die DDR als Seefahrernation in „DDR ahoi“ oder dessen Wirtschaftssystem in „Die Außenhändler“, unsentimental und unideologisch wirft Pehnert immer wieder einen Blick zurück. Die DDR sei ein abgeschlossenes Kapitel, findet der Autor und Regisseur, „aber es ist nie schlecht, sich mit seiner eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen“.

Die eigene schreibende Vergangenheit begann für Pehnert als Volontär bei der Zeitung „Junge Welt“. Eigentlich Schriftsetzer und „zum Abitur zu faul“, wie er selbst sagt, hatte Pehnerts Vater nachgeholfen. Horst Pehnert war Stellvertreter des DDR-Kulturministers und einflussreich; ein Fakt, „für den man als ‚Bonzenkind’ sehr sensibel war“. Allerdings, fügt Pehnert hinzu: „Bei der Zeitung waren fast alle die Kinder von irgendwem.“

Die Zeit in der Kulturredaktion der Zeitung kollidierte mit dem 750. Geburtstag der Hauptstadt. Zahlreiche internationale Künstler wurden damals von der DDR-Führung eingeladen – Sänger, Bands, Theaterschauspieler, Komponisten. Und alle sollten „ins Blatt“. Pehnerts Leben spielte sich damals in Hotellobbys ab, wo er Pina Bausch, Joe Cocker, Peter Maffay oder Heinz-Rudolf Kunze zu Interviews traf. Dort habe er „den falschen Respekt“ vor Persönlichkeiten abgelegt, was ihm auch heute bei der Annäherung an und im Umgang mit seinen filmischen Protagonisten zugutekomme.

Sein erster Film wird – irgendwie passend – ein Porträt über den Sohn eines Schriftsetzers: den holländischen Sänger, Clown, Schauspieler und Liederkomponisten Herman van Veen. Pehnert, für den Schreiben die größte Freiheit ist, hat 1995 genug von der „Jungen Welt“. „Wenn man nicht schreiben kann, hilft es auch nicht, wenn man alles schreiben darf“, resümiert er den neuen Redaktionsalltag. Pehnert wollte etwas Neues probieren. Film lag nahe, denn: „Wer schreibt, denkt auch in Bildern. Fernsehen verlange, seine Gedanken zu konzentrieren, Text auf Sekunden zu verknappen.“

Bei der Wahl seiner Themen ist Pehnert „brutal pragmatisch“. Meist kommen die Redaktionen mit Ideen auf ihn zu. „Mir macht die Arbeit viel Spaß, ich verdiene mein Geld damit.” Ein paar Herzensprojekte schlummern aber noch in seinem Kopf: Einen Film über ein Orchester würde er gern machen, vielleicht zu Beethovens 250. Geburtstag. „Ein Orchester“, sagt Pehnert, „ist eine ganz eigene kleine Gesellschaft – mit Milieus und einem Diktator, dem Dirigenten.“ Oder eine Geschichte über die Schauspielerinnen Jutta Hoffmann, Annekathrin Bürger und Angelika Domröse und Arno Fischers Foto von 1965, auf dem alle drei zusammen für die Modezeitschrift Sibylle abgebildet sind.

Von Rico Bigelmann für Adlershof Journal

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