Im Gespräch mit Jens Nachtwei
Der Psychologe forscht und lehrt an der HU Berlin zum Wandel in der Arbeitswelt und dem Thema Mensch-Maschine-Interaktion
„Eine menschenwürdige Zukunft liegt nicht in mehr Technik, sondern in mehr menschlicher Urteilskraft im Umgang mit ihr“, sagt Ingenieur- und Organisationspsychologe Jens Nachtwei in seinem Buch „Zukunft der ARBEIT an der Zukunft“, das über 150 Expertisen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft versammelt. Es soll jungen Menschen Orientierung für ein zukünftiges Berufsleben geben. Das ist ein Fokus-Thema des in Alt-Adlershof aufgewachsenen 46-Jährigen, der seit 20 Jahren an der Humboldt-Universität zu Berlin zum Wandel in der Arbeitswelt und dem Thema Mensch-Maschine-Interaktion forscht und lehrt.
Adlershof Journal: Was fasziniert Sie am Thema Mensch-Maschine-Interaktion: das Neue, das Unkalkulierbare oder etwas anderes?
Jens Nachtwei: Da ich kein ‚Techie‘, sondern Psychologe mit großer Leidenschaft für Philosophie bin: dass uns das Thema Technologie mit uns selbst konfrontiert. Je leistungsstärker Technologie wird, desto mehr müssen wir uns damit auseinandersetzen, was es eigentlich heißt, Mensch zu sein. Faszinierend ist dabei für mich, dass diese Debatte durch die Verbreitung von KI in den letzten Jahren endlich aus dem rein akademischen Diskurs ausgebrochen ist und breit geführt wird. Das bereitet mir persönlich sehr viel Freude und bereichert die Diskussionen mit Studierenden in meinen Kursen.
Sehen Sie mehr Chance oder mehr Risiko?
Hier würde ich die Standardantwort der Ingenieurpsychologie, die ich schon als Diplomand lernen musste, anbringen: it depends. Chancen hat Technologie für all jene, die in der Situation sind, sich schützen und vielleicht sogar etwas gestalten zu können. Für andere wiederum, die bestimmten Technologien ungeschützt ausgesetzt sind, wird es riskant; denken wir an Überwachung und Diskriminierung durch KI am Arbeitsplatz und im öffentlichen Raum. Darauf antworten einige: Technologie ist eine Gestaltungsaufgabe. Das stimmt. Die Frage ist nur, wer sie zu welchem Zweck wie und für wen gestaltet.
Der Kenntnisstand der Menschen scheint sehr unterschiedlich, was die Nutzung von KI angeht. Ist das ein Thema, das uns „überrollt“ hat, über das zu wenig aufgeklärt wird und für das es zu wenig Regularien gibt?
Diesen Eindruck teile ich. Wir hätten es kommen sehen können. Immerhin ist KI kein neues Thema. Aber wahrscheinlich ist es wie bei anderen Themen, wie dem Klima oder Kriegen: Viele ahnten etwas, und gehandelt wird erst spät beziehungsweise zu spät. So viel dazu, was es heißt, Mensch zu sein. Aufklärung und Regularien sind enorm wichtig, aber nicht ausreichend. Ein Beispiel: Ich kann im Unternehmen den verantwortungsvollen Umgang mit KI erklären und regulieren, belohne dann aber Geschwindigkeit bei der Erledigung von Aufgaben bei gleichzeitig knappen Ressourcen. Dass Menschen dann abkürzen, sollte niemanden wundern.
In welchen Bereichen der Arbeit sehen Sie in der Zukunft die größten Chancen und Entlastungen durch KI?
Bei allem, was würdelos, langweilig und körperlich wie psychisch gefährlich ist. Für manche liegt bereits in chronischer Langeweile eine enorme Gefahr, für andere wiederum geht das tiefer.
Dient Ihnen der Technologiepark Adlershof bereits als Forschungsfeld?
Tatsächlich noch nicht. Aber das kann ja noch werden, vielleicht auch durch dieses Interview.
Wo sollten Menschen ohne KI agieren?
Verantwortung und Vertrauen lassen sich nicht automatisieren. Verantwortung muss am Ende ein Mensch übernehmen und Vertrauen lässt sich nur durch unsere sozialen und emotionalen Kompetenzen aufbauen. Eine KI kann das zwar simulieren, aber nicht ersetzen.
Erwarten Sie, dass wir durch die alltägliche Nutzung von KI das Denken verlernen?
Das hängt davon ab, wer mit „wir“ und was mit „denken“ gemeint ist. Im Grundsatz verschiebt sich das Denken eher. Wir denken anders. Ob besser oder schlechter:
it depends.
Peggy Mory für Adlershof Journal
Buch „Zukunft der Arbeit an der Zukunft“: www.zukunftarbeitzukunft.de
