Impro, Tanz und Zukunftswelten
Ob nach Feierabend oder am Wochenende: Auf dem Campus Adlershof gehen Mitarbeitende ungewöhnlichen Leidenschaften nach. Wir haben bei drei von ihnen nachgefragt.
Wenn Anna Romanotto nach einem Arbeitstag im Labor abschalten will, joggt sie eine Runde oder trommelt ab und zu auf dem Schlagzeug ihres Mannes. Die 48-Jährige ist eine der beiden ProkuristInnen bei der PiCA Prüfinstitut Chemische Analytik GmbH und verantwortet dort als Teil der Geschäftsführung den Forschungs- und Entwicklungsbereich sowie das Projektmanagement. Beruflich bewegt sie sich zwischen Pflanzenschutzmittelrückstandsanalytik, Mikroplastik, Naturstoffen und sogenannten NIAS- (Non-Intentionally Added Substances-) Verbindungen. Privat sucht sie den Ausgleich in anderen Welten: beim Gärtnern, Malen, Herstellen eigener Naturkosmetik- und Fermentationsprodukte oder beim Lernen von Fremdsprachen.
Ihre Leidenschaft gilt aber dem Flamenco und der Bonsaizucht. „Zum Flamenco kam ich eher zufällig über eine Empfehlung im Freundeskreis“, erzählt sie. Der Funke sprang schnell über: „Der schöne, ausdrucksvolle und energische Tanz, der auch ohne Partner funktioniert, hat mich schnell in seiner Vielseitigkeit und Kraft begeistert.“ Heute trainiert sie nicht nur regelmäßig, sondern tanzt auch in einem Ensemble. Ein besonderer Moment war für sie ein Auftritt in der Staatsoper Unter den Linden im Juli 2024. „Einmal auf einer richtigen Bühne performen zu dürfen ist schon ein unvergessliches Erlebnis“, lacht sie. Seit diesem Jahr entwickelt die siebenköpfige Gruppe gemeinsam mit einer Berliner Regisseurin sogar ein eigenes Flamencotheaterstück. Jede Tänzerin gestaltet dabei eine eigene Choreografie im Flamencorhythmus. Dass sie dieses Hobby dauerhaft begleiten wird, daran hat Romanotto keinen Zweifel: „Flamenco ist kraftvoll, gefühlvoll, konzentriert und sehr befreiend. Mein zweites Ich.“
Einen ruhigeren Gegenpol findet Romanotto in der Bonsaizucht. Die Arbeit an den kleinen Bäumen beschreibt sie als „mein persönliches Zen- oder Meditationsareal“. Besonders verbunden ist sie mit einem Ficus, den sie vor 20 Jahren zum Ende ihrer Promotion geschenkt bekam. Vor sieben Jahren gestaltete sie daraus einen „einen japanischen Waldgeist“. „An Bonsais fasziniert mich die Kreation, Schönheit der Miniatur und auch die Unvollkommenheit“. Viele der Bäume, die sie verwendet, würden in Baumschulen wegen ihrer Gestalt als Ausschussware gelten. „Ich gebe ihnen ein neues Leben“, freut sich Romanotto.
Christof Hamm arbeitet bei der WISTA.Plan im Vertrieb, kümmert sich unter anderem um Erbbaurechtsfragen, siedelt Technologieunternehmen an … und muss dabei oft weit vorausplanen. In seinem Hobby kommt es dagegen auf große Spontanität und Wandelbarkeit an: Hamm spielt Improvisationstheater. Das schon seit fast drei Jahrzehnten, zuerst sporadisch, seit 2011 in festen Gruppen, seit 2021 bei „Marianne36“, die im Künstlerhaus Bethanien in Kreuzberg probt und vier- bis sechsmal im Jahr auftritt.
Wie kam er dazu? „Mein erster aktiver Kontakt mit dem Improtheater war 1997 ein Kurs an der Volkshochschule Charlottenburg“, erzählt Hamm, der sich als eher introvertiert beschreibt (wovon auf der Bühne nichts zu merken ist – Anmerkung der Red.). Danach folgte eine längere Pause, bevor er Ende der nuller Jahre wieder einstieg, erneut über einen VHS-Kurs, aus dem schließlich eine eigene Gruppe namens „Auf keinen Fall mit Eckhard“ wurde. Was den 61-Jährigen am Improvisationstheater fasziniert, hat er schnell erklärt: „Das Bejahende, Positive und die Möglichkeit, in Rollen zu schlüpfen, die außerhalb des Spektrums unseres Alltaglebens liegen.“ Die Geschichten entstehen auf der Bühne, ohne Drehbuch, aus Stichworten des Publikums, im Zusammenspiel der Akteurinnen und Akteure. „Das Ganze funktioniert durch das Wahrnehmen und Annehmen der Angebote der Mitspielenden. Das Prinzip lautet: ‚Ja, und…‘.“ Aufmerksam sein, was Publikum und Mitspielende tun, und darauf spontan reagieren – das ist das Rezept, erklärt der Hobbyschauspieler.
Als gelernter Raumplaner, sagt Hamm, sei sein Beruf eigentlich das Gegenteil vom Improvisieren: „Aber so ganz stimmt das natürlich nicht.“ Auf der Bühne braucht es Aufmerksamkeit, Reaktionsvermögen, das Lesen von Situationen: „Fähigkeiten, die im Büro, wie generell im alltäglichen Miteinander, auch sehr hilfreich sind“, zieht er eine Parallele.
Lebhaft geht es auch bei Stefanie Hennig zu. Wer sie trifft, begegnet einer Marketingexpertin mit geschärftem Sinn für Zukunftsfragen. Die 42-Jährige arbeitet seit Januar 2026 als Head of Marketing bei der Nanolope GmbH und beschäftigt sich beruflich mit der Energie- und Wärmewende in Bestandsimmobilien. In ihrer Freizeit jedoch wechselt sie die Perspektive: Vom Hier und Heute ins Morgen. Denn dann entwirft sie Visionen in literarischer Form. „Ich habe schon immer geschrieben“, sagt sie. Von ersten Gedichten in der Grundschule über Drehbücher bis hin zu Romanen.
Jüngstes Feierabendprojekt ist eine Science-Fiction-Trilogie namens „Die Legende von Moira“. Darin verbindet Hennig (alias „A. J. Kavka“) Cyberpunk-Elemente rund um künstliche Intelligenz mit Themen des Klimawandels. Ihre Geschichten kreisen um die Frage, wie Menschen künftig leben könnten – und welche Rolle nachhaltige Stadtplanung dabei spielt. „Mich hat daran immer fasziniert, in andere Welten eintauchen und meiner Fantasie freien Lauf lassen zu können“, erklärt sie. Gleichzeitig sei das Schreiben für sie immer auch ein Mittel, aktuelle Erfahrungen und Stimmungen zu verarbeiten.
Die Auseinandersetzung mit fiktiven Zukünften blieb nicht folgenlos. Während der Arbeit an ihren Romanen vertiefte Hennig ihr Interesse an realen Konzepten nachhaltiger Stadtentwicklung. Sie stieß auf Ideen wie wiederverwendbare Baumaterialien oder Wohnsiedlungen, die durch Abwärme von Rechenzentren beheizt werden. „Diese Konzepte haben mich so fasziniert, dass ich entschieden habe, nochmal zu studieren“, sagt sie. Der Schritt führte sie zu einem Master in Zukunftsforschung mit Schwerpunkt nachhaltige Stadtplanung und Mobilität – und schließlich zu ihrem heutigen Arbeitgeber. Ihr Hobby wurde damit zum Impulsgeber für den beruflichen Weg.
Trotz dieser engen Verbindung bleibt das Schreiben für Hennig eine eigene Sphäre: Dort beginnt alles mit einem kleinen Gedanken, der, so die Hobbyautorin, „wie eine Pflanze zu einer ganzen Geschichte heranwächst“. Für die Zukunft wünscht sie sich vor allem eines: genügend Ideen. Und natürlich „Menschen, die dann noch von Menschen gemachte Geschichten lesen wollen“.
Chris Löwer für Adlershof Journal




