Kenner bizarrer Welten: Jean-Pierre de Vera erforscht Leben im All

03. November 2015

Kenner bizarrer Welten

Jean-Pierre de Vera erforscht Leben im All

Kälteresistent: Jean-Pierre de Vera während der Antarktisexpedition GANOVEX X (German Antarctic North Victoria Land Expedition). Bild: © Adlershof

Kälteresistent: Jean-Pierre de Vera während der Antarktisexpedition GANOVEX X (German Antarctic North Victoria Land Expedition). Bild: © Adlershof

Zu Anfang des Jahres hat er die chilenische Atacama-Wüste besucht. Er kennt die Antarktis, hat in der spanischen Sierra de Gredos auf 3000 Meter Höhe geforscht. Trocken, kalt, dünne Luft – wie auf dem Mars muss eine Landschaft beschaffen sein, damit Jean-Pierre de Vera sich für sie interessiert. Beruflich jedenfalls.

De Veras Profession, die er seit 2009 am Institut für Planetenforschung in Adlershof betreibt, ist die Astrobiologie. Außerirdisches Leben – das glitschig-glibbrige oder pelzige Personal der Star-Wars-Filme ist damit nicht gemeint. Die Fragen, denen de Veras Wissenschaft nachgeht, sind vergleichsweise unspektakulär. Können einfache irdische Organismen unter Umweltbedingungen des Weltraums existieren? Ist es vielleicht sogar denkbar, dass sich eigene Lebensformen in extrem kargen und eisigen, hier und da auch eruptiven Biotopen entwickeln wie auf dem Mars oder dem Saturnmond Enceladus?

Enceladus ist ein vergleichsweise winziger kartoffelförmiger Himmelskörper aus porösem Gestein. Rundherum von Wasser bedeckt und von einer Eiskruste umschlossen. Damit nicht genug: Regelmäßig brechen Geysire durch die Eisschicht. Es rumort im Inneren des Mondes. „Er hat eine seit Jahren aktive Südhemisphäre. So eine Welt ist einfach bizarr“, sagt de Vera, dem, wer ihn so reden hört, ohne weiteres glaubt, dass ihm Enceladus nicht minder vertraut ist als die Atacama.

Der Weltraum habe ihn schon als Kind fasziniert: „Ich wollte immer Astronaut werden.“ Stattdessen zog es den gebürtigen Ratinger 1994 zunächst zum Studium der Chemie ins nahe gelegene Düsseldorf. Nach zwei Semestern sattelte er dort um – auf Biologie: „Die Chemie war mir doch ein bisschen zu tot.“ Die Diplomarbeit befasst sich noch mit einem konventionellen Thema der Botanik. Mit der 2005 vollendeten Dissertation betrat er dann astrobiologisches Neuland. Er untersuchte, wie Flechten unter Bedingungen intensiver Strahlung, geringen Luftdrucks und niedriger Temperaturen gedeihen.

Seit Anfang des Jahres ist de Vera Mitglied im Adlershofer Rotary-Club, der sich einmal wöchentlich zu Vorträgen und Diskussionen im örtlichen Dorint-Hotel trifft. Der 42-Jährige zählt in diesem Kreis zu den Jüngeren. Die Rotarier kümmern sich um Erdbebenopfer in Nepal, um die Bewohner der Flüchtlingsunterkunft in der Adlershofer Radickestraße, um internationalen Schüleraustausch: „Es ist schön, dass man sich gesellschaftlich einbringen kann.“ Wenn auch die häufigen Dienstreisen in unwirtliche Weltgegenden derzeit dazu weniger Zeit lassen als de Vera sich vielleicht wünschen würde.

In jungen Jahren war er passionierter Radsportler, kann sich noch immer für die Tour de France begeistern. Wandern ist eine bleibende Leidenschaft. In diesem Jahr im Wallis, im vorigen auf Teneriffa. Auf der Hochzeitsreise in Norwegen. Es gibt eben auch für Astrobiologen mehr als die Atacama. Oder den Enceladus: „Dieser Planet“, sagt de Vera, „ist so wunderschön.“

Von Wilfried Dolderer für Adlershof Journal

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