Klänge aus einer anderen Dimension
Wie das Subharchord weiterlebt
Gerhard Steinke hat mit dem Subharchord eines der rätselhaftesten Instrumente der DDR mitentwickelt, am 26. Mai 2025 ist Steinke verstorben, sein Werk lebt aber weiter.
„Musik und Klang entstehen erst beim Hören. Wenn Emotionen dazukommen, dann speichern wir das Signal.“ So beschrieb Toningenieur Gerhard Steinke, eine Koryphäe der Audioentwicklung im deutschsprachigen Raum, den Kern des Hörens. Der am 12. August 1927 geborene Pionier hinterließ auch in Adlershof seine Spuren. In der Agastraße (heute: Am Studio) befand sich das 1956 gegründete und von Steinke geleitete Labor des Rundfunk- und Fernsehtechnischen Zentralamts (RFZ) für akustisch-musikalische Grenzgebiete. Gesucht wurden neue Klänge für Hörspiele, Trick- oder Spielfilme wie auch musikalische Werke abseits der Unterhaltungsindustrie.
Weil Steinke vom Trautonium, einem Vorläufer der heutigen Synthesizer, fasziniert war, gab er ein neues Modell in Auftrag: Das Subharchord, das – anders als das Trautonium von 1930 – mit Tasten ausgestattet werden sollte. Entwickelt wurde die Röhrenorgel im Laborteam rund um den technischen Konstrukteur Ernst Schreiber. Der Name Subharchord bezieht sich auf die Spielweise des Instruments, das subharmonische Klänge, also Teile eines Grundtons, erzeugt. Mittels Filterbändern und Modulationseinheiten verändert sich der Klang. Aufgrund der Klangsynthese ist das Subharchord im strengen Sinne kein Musikinstrument, sondern ein Klangerzeuger.
Vom Subharchord, das international eine Bekanntheit erlangte, wurden sechs Seriengeräte angefertigt, die teilweise ins Ausland (Bratislava, Prag, Oslo) verkauft wurden.
Es war nur ein kurzer Höhenflug. Das 11. Plenum des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) im Jahre 1965, bekannt als „Kahlschlag-Plenum“, machte der „Liberalisierung in Kunst und Kultur“ und damit der Weitentwicklung des Subharchords ein Ende. Ein Modell wurde 1968 ins Funkhaus Nalepastraße überführt und offiziell nur noch für Hörspiele genutzt. Einige experimentelle Produktionen entstanden heimlich. 2010 ging das Subharchord in den Besitz des Deutschen Technikmuseums über. Heute steht der Klangerzeuger dank des unermüdlichen Einsatzes von Steinke als Dauerleihgabe des Museums im Funkhaus Nalepastraße in Studio 3 von Musiker und Komponist Nils Frahm.
Frahm, der sein Studio seit 2016 betreibt, wusste vom Subharchord schon seit seinem Studium der Musikwissenschaft. Steinke lernte er damals bei Besuchen im Funkhaus kennen. In Frahm, der auch andere ungewöhnliche Instrumente, wie etwa eine Glasorgel mit unterschiedlich ineinander geschobenen Glasglocken oder ein Harmonium bespielt, fand Steinke einen Gleichgesinnten. Irgendwann schlug Steinke vor, Frahms Kompositionen mit subharmonischen Klängen zu ergänzen. Das 150 Kilo schwere Subharchord stand noch im Deutschen Technikmuseum und war nicht funktionstüchtig. Steinke schlug vor, das Instrument ins Funkhaus zu überführen. Vor etwa drei Jahren zog das Subharchord dann um, einsatzfähig war es aber noch lange nicht.
„Wenn so ein Instrument jahrelang steht, hat es, so wie eigentlich alle Technik, Standschäden. Uns war bewusst, dass es nicht einfach anzuschalten ist, sondern auch ein kleines Forschungsprojekt wird“, so Frahm. „Nicht alle Unterlagen, wie Schaltpläne oder -bilder waren vollständig aufzufinden. Wir mussten mit wenig Information arbeiten und herausfinden, wie das Subharchord klingen sollte.“ Die technische Verantwortung liegt bei Sebastian Singwald, der zur Stelle ist, wenn etwas am Gerät kaputt geht oder es verstimmt ist.
Frahm spürt eine große Verantwortung durch die seltene Leihgabe, sieht sich auch als Denkmalpfleger. Seine Hochachtung gilt Steinke: „Ich finde mehr als rührend, dass er bis zu seinem Lebensende so von diesem Instrument begeistert war und diese Begeisterung auf mich übertragen hat.“ Seit drei Jahren erkundet der Musiker das Subharchord und seine „unfassbar vielen Möglichkeiten der Klanggestaltung“. Er sieht aber auch Einschränkungen. „Durch seinen dunkleren, aber auch schrillen Klang ist es in seinem Charakter festgelegt. Es ist nicht unbedingt dazu geeignet, zu gefallen, sondern ein Instrument für die Grenzbereiche unserer musikalischen Begierden.“ Er hofft, das Subharchord eines Tages für ein eigenes musikalisches Projekt einsetzen zu können.
Susanne Gietl für Adlershof Journal

