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19. Januar 2023

Schritt für Schritt

Start-up Pendulum vereinfacht Ganganalyse

Jakob Versnjak, Alexandru Dancu und Esteban Tapia (v. l. n. r.) analysieren per Gangbild den Gesundheitszustand eines Menschen © WISTA Management GmbH

Fit zu sein bis ins hohe Alter – wer wünscht sich das nicht? Doch die ersten Anzeichen für eine Krankheit sind meist nur dem geschulten Sachverstand zugänglich. Biomarker nennen Mediziner:innen solche Veränderungen, die darüber Auskunft geben, dass irgendetwas mit unserem Körper nicht stimmt. Die Art, wie wir gehen, ist einer davon.

„Der Gang verrät nicht nur, wie gut eine Therapie zum Beispiel nach einer Verletzung anschlägt“, erklärt Alexandru Dancu. „Anhand verschiedener Muster lassen sich Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand ziehen. So auf orthopädische Probleme oder den Fortschritt von Rehabilitation und Genesung. Und es besteht sogar eine Korrelation mit psychologischen und neurologischen Problemen wie Depressionen und Demenz.“ Kleine Veränderungen, die er im Gehmuster seiner Großmutter beobachtete, machten den Computerspezialisten auf das Thema aufmerksam. Seine Postdoc-Zeit in einem Zentrum für Gebrechlichkeit in Singapur schürte sein Interesse für dieses Thema noch mehr. „Ganganalysen sind nichts Neues. Die gibt es zum Beispiel oft im Profisport“, erzählt er. „Doch das Equipment ist sehr aufwendig und teuer. Da werden die Sportler:innen auf spezielle Laufbänder gestellt und von mehreren Kameras vermessen.“ Für den medizinischen Alltag ist das wenig geeignet.

Ärztliches und psychotherapeutisches Personal hingegen verwendet gewöhnliche Mobiltelefone, um den Zustand vor und nach den Behandlungen ihrer Patienten aufzunehmen. Aber diese Bewertungen sind subjektiv und die Videos selbst gehen oft in den Bildergalerien der Mobiltelefone verloren. „Hier können wir helfen“, sagt Esteban Tapia. „Und deshalb haben Alex und ich Pendulum gegründet.“ Tapia ist mit der Entwicklung und Markteinführung innovativer Produkte vertraut, da er dies auf drei verschiedenen Kontinenten getan hat. „Bei Pendulum nutzen wir Werkzeuge aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz (KI), um die Bewegungsfähigkeit und Gehmuster in solchem Videomaterial zu analysieren“, fasst er zusammen. „Daraus erstellen wir automatisch einen Bericht über den Bewegungsumfang, die Körpermobilität und den Gang. Das sind gute Biomarker, die den allgemeinen Gesundheitszustand einer Person anzeigen.“

Der Service, den das von der Adlershofer Gründungswerkstatt (GWA) geförderte MedTech-Start-up anbietet, besteht aus zwei Teilen – einer Videoanalyse und einem Wearable. Für die Videoanalyse nehmen Ärzte und Ärztinnen einen kurzen Videoclip der Laufbewegung ihrer Erkrankten auf. Die Datei wird dann in den Cloud-Service von Pendulum hochgeladen und analysiert. Nach weniger als einer Stunde liegt eine umfassende Auswertung vor. Das Wearable erweitert die Analyse. Es wird auf den Schuh geklickt und zeichnet die Parameter der Laufbewegung – zum Beispiel den Winkel zwischen Fußsohle und Boden beim Hochheben und Absetzen des Fußes – präzise auf. Auch diese Daten werden anschließend analysiert.

„Wir arbeiten an einem KI-Modell, das verschiedene Parameter wie Mobilität und Gehweise integriert und mit dem biologischen Alter einer Person korreliert“, sagt Alex. Das biologische Alter orientiert sich nicht an der Anzahl der gefeierten Geburtstage. Es ist vielmehr ein personalisierter Gesundheitswert, eine Art griffige Kennzahl für den Zustand des eigenen Körpers. „Außerdem liefern unsere Assessments Hinweise, wie stark Erkrankte sturzgefährdet sind“, fügt er hinzu. Einer neuen Studie zufolge lässt sich sogar Alzheimer bereits in einem sehr frühen Stadium am Gang erkennen. „Wir haben Anwendungsfälle für Bewegungsanalysen mit Schwerpunkt auf der Physiotherapie entwickelt und suchen derzeit nach Investoren“, sagt Esteban. „Sobald die Finanzierung gesichert ist, werden wir diese Technologien zur Marktreife bringen, einschließlich der Wearables.“

Kai Dürfeld für Adlershof Journal

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