Guter Empfang
Angela Ryll begleitete bei SENTECH Instruments die Geschichte des Technologieparks
Angela Ryll begleitete als Assistentin bei SENTECH Instruments die Geschichte des Technologieparks seit Anbeginn. Unser Autor Simon Wolff hat sie zum Spaziergang getroffen.
Es ist Februar und Adlershof in nasskaltes Grau gehüllt. „Viele Gebäude von damals gibt es gar nicht mehr. Ganz anders als jetzt“, erzählt Angela Ryll. Vorbei an den ikonischen Köpfen am Forum Adlershof und dem nackten Beton der Luftfahrtdenkmäler kommen wir zum Hauptquartier der SENTECH Instruments GmbH, jenem Unternehmen, in dem sie nahezu ein ganzes Leben lang gearbeitet hat. Die Neupensionärin wird bereits erkannt: „Na? Haste Sehnsucht nach uns?“ Berlinerisch spricht die gebürtige Köpenickerin ebenfalls fließend und für eine Ruheständlerin würde sie auf der Straße niemand halten. Doch war sie 35 Jahre Sekretärin bei SENTECH Instruments und sorgte dort für guten Empfang.
Ob raumgroße Anlagen für Plasmaprozesse, hochsensible Anlieferungen oder internationale Gäste – alles musste an ihr vorbei. SENTECH Instruments entwickelt, vertreibt und betreut spezialisierte Geräte zur Messung von besonders dünnen Beschichtungen. Die Hightechgeräte kommen beispielsweise bei der Qualitätskontrolle von Photovoltaikanlagen in China zum Einsatz.
Damit eine mittelständische Firma aus Berlin global erfolgreich sein kann, braucht es Menschen wie Ryll. Als Geschäftsführungsassistentin war sie erste Anlaufstelle für E-Mails und Post, Gäste, Lieferungen, Rechnungen, die Bestellung von Büromaterial, die Terminplanung und Organisation von Veranstaltungen. SENTECHS Instruments Geschichte und die des Technologieparks Adlershof ähneln tatsächlich ihrer eigenen. Alle drei starten kurz nach der Wiedervereinigung in eine neue, unsichere Zukunft.
Ryll lernte in der DDR den Beruf der Facharbeiterin für Anlagentechnik. Der Schichtdienst im Kabelwerk Köpenick war hart. „Nach der Nachtschicht hörte ich um sechs Uhr morgens die Vögel singen und ging schlafen.“ Nach einer Bürofortbildung wechselte sie vom Berliner Südosten nach Mitte in die Breite Straße, zum Demokratischen Deutschen Frauenbund. Länger als vier Jahre wollte sich die junge Frau damals nicht festlegen. 1986 wird ihre Tochter Cassandra geboren. Der Arbeitsweg ist zu lang, um die Kitaschließzeit einhalten zu können. Der nächste Wechsel steht an. Ryll findet eine neue Anstellung im Pionierpalast, dem heutigen Freizeit- und Erholungszentrum FEZ. Sie bewundert die moderne Architektur und die edlen Holzböden – und fühlt sich angekommen. „Wäre die Wende nicht passiert, wäre ich da wahrscheinlich immer noch.“ Aber die Wende kam. Mit ihr eine Zeit großer Unsicherheit.
Die drohende Arbeitslosigkeit passiv zu ertragen, war nicht Rylls Sache. Ohne Auto und ohne Telefon suchte sie eine neue Aufgabe in einer über Nacht veränderten Welt. Wie viele andere DDR-Bürgerinnen und -Bürger landet sie in der Warteschleife der sogenannten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, macht eine „Anpassungsqualifizierung“. Statt Teil der Arbeitslosenstatistik zu werden, lernt sie so den Umgang mit Computern. 1991 geht sie zum Arbeitsamt Adlershof, um Arbeitslosengeld zu beantragen – nur fünf Minuten Fußweg von den Gebäuden entfernt, in denen sie später arbeiten sollte. Statt „Stütze“ zieht die Sachbearbeiterin einen Job aus der Schublade.
Wir sind indessen fast genau am Ort des entscheidenden Anrufes angekommen: Einen Steinwurf entfernt, am S-Bahnhof Adlershof, ruft Ryll von einer Telefonzelle die Nummer auf dem Formular an. Am anderen Ende meldet sich Albrecht Krüger, einer der beiden SENTECH-Instruments-Gründer und „Ossi“. Sein Geschäftspartner Helmut Witek ist „Wessi“. Ein deutsch-deutsches Joint Venture in einem sich wiedervereinigenden Land. Mit Angela Ryll am Empfang startet SENTECH Instruments durch – in einem Waschbetonbau der ehemaligen DDR-Akademie der Wissenschaften, der Keimzelle des neuen Technologieparks. „Als das alte Akademie-Gebäude abgerissen wurde, sind wir in das mit der tollen Fassade gezogen. In die Amöbe.“ So heißt im Volksmund das Zentrum für Photonik und Optische Technologien, dem vielleicht auffälligsten Bau in Adlershof. 2010 baut SENTECH Instruments mit inzwischen 45 Mitarbeitenden sein eigenes Gebäude, das bald erweitert wird. Mittlerweile arbeiten hier fast drei Mal so viele Menschen.
Es scheint, als wäre Ryll nie gegangen: Die ehemaligen Kolleginnen und Kollegen umringen sie, so auch Senior-Manager Krüger. Mitgründer Witek verstarb im vergangenen Jahr. Eine junge Frau begrüßt uns. „Das ist meine Tochter“, sagt Ryll. Die Tochter, die bei den alljährlich ausgerichteten Kinderweihnachtsfeiern mit den Mitarbeitenden malte, sitzt heute selbst am Empfang. Nach vielen mutigen Neuanfängen geht Rylls Beständigkeit auf die nächste Generation über.
Simon Wolff für Adlershof Journal

