»Mittelfristig wird es Premium-Synchron geben«
TV+Synchron-Geschäftsführerin Jenny Buch über die Zukunft der Branche
Mit einer KI-Klausel sorgte Netflix am Anfang des Jahres in der Synchronbranche für Schlagzeilen. Sprechende legten die Arbeit nieder, boykottierten Aufträge für den US-Streamingdienst. Doch was bedeutet der Vorgriff des Big Players für die Branche? Ein Stimmungsbild über Gegenwart und Zukunft mit Jenny Buch von der TV+Synchron GmbH.
Das Unternehmen leistet deutsche Barrierefreiheit in Form von Voice-over, Synchronproduktion, Audiodeskription oder Untertiteln für Dokumentationen, Spielfilme, Podcasts oder auch Hörspiele. Auch für einen sehr bekannten YouTuber, der sein Format in 24 Sprachen anbietet, übersetzt und synchronisiert TV+Synchron. Nach dem aktuellen Stand der Technik, so Buch, wäre das auch automatisiert möglich – allerdings mit Qualitätseinbußen.
So geschehen am 1. Februar 2025 bei der polnischen Krimiserie „Murderesses“ auf Magenta TV: Sounddateien von professionellen Sprechenden wurden unter der Leitung des skandinavischen Unternehmens Viaplay verwendet, um Sätze synthetisch zu erzeugen. Buch war schockiert, wie nachlässig die Konkurrenz den Synchronauftrag umgesetzt hatte. „Ein Lehrstück für schlechte Synchronisation“, erklärt Buch. „Ich verstehe nicht, wie so etwas durch die Qualitätskontrolle gekommen ist. Ton und Bild haben nicht zusammengepasst. Im Original war die Person aufgeregt, in der Synchro klang alles monoton und es kam keine Emotion rüber. Wir nennen das in der Branche gerne ‚flach‘.“ Zwei Tage später nahm Magenta TV die Serie wieder aus dem Programm. „Der Anspruch an das Business ist sehr unterschiedlich.” In Polen zum Beispiel spreche ein sogenannter Lektor das gesamte Voice-over, eine Vertonung durch verschiedene Stimmen gebe es nicht.
Im Sommer 2025 ereignete sich ein KI-Präzedenzfall. Ein YouTuber hatte ohne Einwilligung eine Bruce-Willis-Stimme generiert und für zwei seiner Videos verwendet. Manfred Lehmann, die deutsche Synchronstimme des amerikanischen Schauspielers, klagte und gewann in erster Instanz vor dem Landgericht Berlin, weil seine Stimme wiedererkennbar war. Der YouTuber soll nun, resultierend aus Lehmanns fiktivem Honorar, 4.000 Euro zahlen. Weniger Glück hatte der Hamburger Sprecher Jens Wendland, bekannt aus der Videospielreihe „Uncharted“, als er gegen den Tech-Konzern ByteDance vor Gericht zog: „Die Stimme von ‚Father Christmas‘ war der Stimme von Wendland sehr ähnlich. Aber wie beweisen, dass es wirklich deine Stimme ist? Er konnte es nicht.“ Im Podcast „Künstlerische Intelligenz“ vom 9. März 2026 nehmen Wendland und sein Anwalt Sebastian Deubelli klar dazu Stellung. „Wir sind auch, was die Rechte an der Stimme angeht, in Deutschland leider ein bisschen hinterher. In Amerika hat sich Matthew McConaughey zum Beispiel seine Stimme schützen lassen.“ Mehrere Audio-Clips, unter anderem den legendären Filmsatz „Alright, alright, alright“ aus Richard Linklaters „Dazed and Confused“ stehen jetzt unter patent- und markenrechtlichem Schutz. Eine KI-Version seiner Stimme hat McConaughey selbst entwickeln lassen.
Im Falle von Netflix hat eine juristische Prüfung des Verbands Deutscher Sprecher:innen e. V. (VDS) offengelegt, dass zentrale Klauseln wie das uneingeschränkte Nutzungsrecht aufgrund von Verstößen gegen das Persönlichkeits-, Datenschutz- und Vertragsrecht unwirksam oder rechtswidrig sind. Auch die Vergütung ist ungeklärt. Aber „in dem Moment, in dem es eine Einigung gibt, wird der Rest der Streamer hinterherziehen.“ Seitdem ist das Misstrauen auch bei TV+Synchron groß: „Rechteabtretungen werden genauer gelesen. Viele vermerken handschriftlich: ‚Meine Stimme darf nicht für KI genutzt werden’, was überhaupt nicht unser Ansinnen ist. Wir nutzen künstliche Intelligenz ausschließlich für organisatorische Prozesse und um Meetingprotokolle zu automatisieren.“
Was sagt nun der Blick in die Glaskugel? „Mittelfristig wird es Premium-Synchron geben, wo weiterhin klassisch produziert wird, – und kleinere Produktionen mit synthetischen Stimmen. Irgendwann werden wir wahrscheinlich lizensierte Stimmen offiziell einkaufen, ohne sie aufzunehmen.“ Buch sieht die aktuelle Situation als Chance: „Noch können wir uns rechtlich absichern und nachdenken, was wir von der KI wollen und wie wir das erhalten können, was uns am Herzen liegt: unsere Sprache, unsere Emotion und unsere Kreativität.”
Susanne Gietl für Adlershof Journal
