Mobilarbeit aus psychologischer Sicht: Im Gespräch mit Annekatrin Hoppe, Arbeitspsychologin an der Humboldt-Universität zu Berlin, die zu Arbeit und Gesundheit forscht

28. April 2020

Mobilarbeit aus psychologischer Sicht

Im Gespräch mit Annekatrin Hoppe, Arbeitspsychologin an der Humboldt-Universität zu Berlin, die zu Arbeit und Gesundheit forscht

Annekatrin Hoppe, HU Berlin © WISTA Management GmbH

Annekatrin Hoppe betrachtet Arbeit und Gesundheit immer zusammen. Bild: © WISTA Management GmbH

Eigene Forschung, Lehrtätigkeit, Führungsverantwortung einerseits sowie Familie und zwei Kleinkinder auf der anderen Seite: Annekatrin Hoppe hält gegenwärtig viele Bälle in der Luft. Als Arbeitspsychologin kennt sie das Rezept, um langfristig fit und tatkräftig zu bleiben, ohne die eigenen Bedürfnisse zu vernachlässigen. Die gebürtige Hamburgerin kam nach Stationen an der Stanford University in Kalifornien und als Juniorprofessorin an der Universität Koblenz-Landau vor neun Jahren an die Humboldt-Universität zu Berlin. Dort leitet sie den Lehrstuhl für Arbeitspsychologie am Institut für Psychologie. In ihrer Forschung befasst sie sich auch mit den Auswirkungen neuer Technologien auf die Arbeit.

Adlershof Journal: Ist es neu für Sie, mobil zu arbeiten?

Annekatrin Hoppe: Nein, ich habe bei Forschungsaufenthalten im Ausland oder im Forschungsfreisemester sehr viel im Homeoffice gearbeitet. Regulär mache ich mindestens einen Tag pro Woche Homeoffice.

Wie viel Präsenz ist bei Ihrer Tätigkeit notwendig?

Während des Semesters liegt der Präsenzbedarf bei 75 Prozent. In den Semesterferien kann es auch weniger sein, weil man viel auf Konferenzen, Workshops unterwegs ist.

Wird es nach der Corona-Krise einfacher für Beschäftigte, weiter im Homeoffice zu arbeiten?

Die Unternehmen werden Bilanz ziehen, was gut gelaufen ist und wo es Anpassungen geben muss. Angenommen Arbeitsplatz und Arbeitsumfeld sind bestmöglich und auch technisch funktioniert alles – ich habe Zugriff auf meine Materialien, das Firmennetzwerk, Video- und Konferenztechnik –, bleiben arbeitspsychologische Fragen: Wie führe ich? Was machen meine Mitarbeiter? Wie motiviere ich diese, wie motiviere ich mich selbst?

Was sind arbeitspsychologisch die ersten Schritte für das Homeoffice?

Das Wichtigste ist, Strukturen zu schaffen. Es müssen Arbeits- und Pausenzeiten gesetzt und mit dem Team besprochen werden wie z. B.: Wie arbeiten wir? Wann sind wir erreichbar? Wann ist Feierabend? Eine Kollegin hat beispielsweise zwei Telefone, ein Diensttelefon und eines für ihre Privatgespräche. Das erleichtert nach Arbeitsende das Abschalten. Regeln, wie keine E-Mails und Anrufe außerhalb der definierten Arbeitszeiten, wenn es keine Dringlichkeit dafür gibt, sollten auch außerhalb der Mobilarbeit selbstverständlich sein. Rituale helfen, um in den Arbeitsrhythmus hinein- bzw. herauszufinden. Das kann das Auf- oder Absetzen der Brille, das Mitnehmen der Arbeitskaffeetasse an den Schreibtisch oder das Anziehen des Businessoutfits sein.

Vor welchen Aufgaben stehen die Chefs?

Sie müssen lernen, über Distanz ein Team zu führen. Zentral ist, den Prozess im Dialog mit den Beschäftigten zu steuern, auf deren Bedürfnisse und Ideen einzugehen.

Abschalten fällt vielen in der digitalisierten Welt schwer? Wie kann es gelingen?

Ich empfehle zum Beispiel den Online-Coach EngAGE, den mein Team in einem Verbundprojekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung mitentwickelt hat. Er sensibilisiert die Benutzer für ihre Belastungen im Arbeitsalltag und zeigt Wege zur Arbeitsgestaltung und Erholung. Dazu gehören kleine Übungen, etwa wie ich mich entspannen kann, wie ich Freiräume schaffe, wie ich priorisiere.

Wann war Ihre erste Begegnung mit Adlershof?

Das war 2011, an meinem ersten Arbeitstag. Die vielen jungen Firmen und die Dynamik hier sind gut. Die Architektur gefällt mir nicht und die Infrastruktur bedarf in puncto Verkehr Nachbesserungen.

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Mit zwei Kleinkindern und Job bleibt praktisch keine Zeit für meine Hobbys. Sport ist mir wichtig. Ich wohne in der Nähe des Tempelhofer Feldes, gehe dort laufen oder skaten. Alles ganz ohne Leistungsdruck. Früher habe ich leidenschaftlich Capoeira trainiert. Das ist ein brasilianischer Mix aus Kampfsport und Tanz.

Wer sind Ihre Vorbilder?

Das sind meist keine Berühmtheiten, sondern starke Frauen, die ihre Ideen verwirklicht haben und die ich selbst kennengelernt habe.

Wann haben Sie zuletzt etwas Neues gemacht?

Vor kurzem haben meine dreijährige Tochter und ich zusammen einen Traumfänger aus Weidenzweigen gebastelt. Basteln hat mir schon immer Spaß gemacht. Nun lehrt mich meine kleine Tochter, dabei auch geduldig zu sein.

Was ist Ihr Zukunftswunsch?

Für die Gesellschaft wünsche ich mir weniger Ich-Bezogenheit, mehr Engagement für die Gemeinschaft. Privat reizt es mich, irgendwann einmal den Pacific Crest Trail an der US-Westküste entlangzuwandern.

 

Das Interview führte Sylvia Nitschke für Adlershof Journal

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