Science-Fiction zu Science machen: Prof. Jürgen P. Rabe, Direktor des Integrative Research Institute for the Sciences IRIS Adlershof, über Brücken bauen, Verbundlabore und den neuen Forschungsbau

29. Juni 2020

Science-Fiction zu Science machen

Prof. Jürgen P. Rabe, Direktor des Integrative Research Institute for the Sciences IRIS Adlershof, über Brücken bauen, Verbundlabore und den neuen Forschungsbau

Prof. Jürgen P. Rabe © WISTA Management GmbH

Prof. Jürgen P. Rabe © WISTA Management GmbH

Zehn Jahre IRIS Adlershof: Was passiert hier?

Jürgen P. Rabe: Alles beginnt mit den guten Fragen – die sich uns aufdrängen, die wir mit unserem wissenschaftlichen Potenzial in Physik, Chemie, Mathematik und Informatik beantworten können und von denen wir uns kreative Problemlösungen versprechen. Dafür stehen Wissenschaftler/-innen mit höchster disziplinärer Kompetenz und dem Willen, innovative Projekte zu verfolgen, an die sie sich einzeln nicht herantrauen würden.

Wo ordnen Sie IRIS in der Wissenschaftslandschaft ein?

Unser Anspruch ist es, in der Welt beachtet zu werden, auch von unseren größten Konkurrenten. Wir kooperieren daher gerne mit international führenden Universitäten auf unseren Arbeitsgebieten, aber auch mit außeruniversitären Einrichtungen, Start-ups und innovativen Unternehmen.

IRIS als Brückenbauer – wie zeigt sich das?

Die ersten Brücken haben wir zwischen den Disziplinen gebaut, indem wir Brückenprofessuren eingerichtet haben, die zu gleichen Teilen in Physik und Chemie oder Physik und Mathematik angesiedelt sind. Dazu kommen institutionenübergreifende Brücken zu außeruniversitären Einrichtungen, die auch eine starke Anwendungsperspektive haben. Außerdem betreuen wir Studierende bei Ausgründungsvorhaben und kooperieren mit etablierten Unternehmen.

Hybridmaterialien und Raum-Zeit-Materie sind Ihre Forschungsschwerpunkte – für viele hört sich das nach Science-Fiction an.

Vielleicht können wir ja Science-Fiction zu Science machen. Hybridmaterialien für die Elektronik und Optoelektronik standen im Zentrum der Gründung des IRIS Adlershof und haben sich seitdem rasant entwickelt. Das anorganische Silizium hat die Informationstechnologie über lange Jahre geprägt, andererseits haben sich auch organische Materialien als hoch attraktive optoelektronische Materialien erwiesen. Unsere Hybridmaterialien vereinen beide Welten und ermöglichen so neue Funktionalitäten, die wir für eine nachhaltige, ressourcenschonende Technikentwicklung brauchen. Ein zentrales Ziel unserer Raum-Zeit-Materie-Forschung ist die „Theorie von allem“. Mit der allgemeinen Relativitätstheorie verstehen wir den Kosmos ganz gut, mit der Quantenfeldtheorie kommen wir auf kleinen Skalen gut zurecht. Ein Verbund der beiden Theorien ist allerdings noch nicht überzeugend gelungen und daher eines unserer hehren Forschungsziele. Mit beiden Forschungsschwerpunkten beteiligen wir uns auch am Exzellenzcluster „Matters of Activity: Image, Space, Material“ der Humboldt-Universität zu Berlin, der sich mit der Entwicklung einer neuen Kultur des Materialen in einer digitalen Welt befasst.

Wie funktioniert anwendungsorientierte Grundlagenforschung?

Indem wir bei der Formulierung unserer zentralen Forschungsfragen immer mitdenken, ob potenzielle Antworten auch kreative Lösungen von technischen, gesellschaftlichen und globalen Herausforderungen mit sich bringen können. Ein besonderer Clou ist es, wenn es gelingt, Science-Fiction zu Science zu machen und dann auch noch in Anwendungen zu bringen. Der Schlüssel ist das richtige Feld zur richtigen Zeit am richtigen Ort und Berlin Adlershof ist dafür sicher prädestiniert.

Wie sieht das Konzept im Forschungsneubau aus?

Physik und Chemie sowie auch Experiment und Theorie nähern sich einem Problem von jeweils unterschiedlichen Seiten. So bildet beispielsweise ein tiefes physikalisch-chemisches Verständnis von komplexen Grenzflächen eine exzellente Basis für die Entwicklung von Hybridmaterialien. Im Forschungsbau arbeiten wir in einem großen Verbundlabor methodisch interdisziplinär und dabei lernen wir auch voneinander. Der Verbundlaborgedanke findet sich im ganzen Haus. Schon in der Konzeption des Baus haben wir uns mit den Architekten gefragt: Was zeichnet internationale Spitzenlabore aus? Wie lässt sich architektonisch umsetzen, dass die Disziplinen ständig miteinander wechselwirken? Letztlich ist es ein wunderbar strukturierter Forschungsbau geworden, der ein funktionales Ganzes bildet und die Kommunikation fördert.

Was freut Sie besonders an IRIS?

Ich hätte es mir nicht wirklich träumen lassen, dass das alles so funktionieren würde. Gestartet mit einer kleinen Geschäftsstelle in einem Büro im Institut für Physik haben wir mit der IRIS-Idee die Mittel von Bund und Land für unser Traumlabor mobilisieren können. Und wenn der Forschungsbau jetzt fertig wird, ist er bereits voll.

 

Das Interview führte Rico Bigelmann für Potenzial – Das WISTA-Magazin

 

INTEGRATIVE RESEARCH INSTITUTE FOR THE SCIENCES IRIS ADLERSHOF

  • Betreiber: Humboldt-Universität zu Berlin
  • Adresse: Zum Großen Windkanal 2 | 12489 Berlin
  • Direktor: Prof. Jürgen P. Rabe
  • Geschäftsführer: Dr. Nikolai Puhlmann
  • Geschäftsstelle:
     

  • Mitglieder:
     

    • 22 Professoren/-innen
    • 5 Nachwuchsgruppenleiter/-innen

  • IRIS Forschungsbau:
     

    • Hauptnutzfläche: ca. 4.500 m² für 150 Mitarbeiter/-innen
    • Investitionsvolumen: ca. 53 Mio. Euro
    • Fertigstellung: Sommer 2020

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