Warum Berliner Straßenbrunnen auch heute noch von Bedeutung sind
Humboldt-Universität porträtiert Timothy Moss, Senior Researcher am IRI THESys
Am 22. März erinnert der Weltwassertag, wie wertvoll und zugleich begrenzt sauberes Wasser ist. Das Thema beschäftigt auch Timothy Moss, Senior Researcher am IRI THESys der Humboldt-Universität.
Seit über 30 Jahren erforscht Timothy Moss städtische Energie- und Wassersysteme aus geschichts- und sozialwissenschaftlicher Perspektive. Dabei stehen auch Berliner Straßenbrunnen im Fokus seiner Forschung. Im Falle eines Versorgungsnotfalls könnten die Pumpen als netzunabhängige Wasserquelle dienen. „Looking back to think forward, nicht nur über die Geschichte nachdenken, sondern mit ihr umdenken“, so lautet das Motto von Prof. Dr. Timothy Moss. Der Senior Researcher am IRI THESys der Humboldt-Universität zu Berlin schaut auf Berliner Infrastrukturen und Technologien der Vergangenheit, um Ideen für Lösungswege für die Zukunft zu gewinnen. Das macht er nicht nur im wissenschaftlichen Kontext, sondern zusammen mit unterschiedlichen Partner*innen aus der Gesellschaft – und mit Hilfe einer Überraschungsbox.
In seinem aktuellen Projekt zu „usable pasts“ im DFG-Projekt „Past-Proofing Infrastructure Futures“ bringt er Vertreter*innen aus Berliner Senatsverwaltungen, Ver- und Entsorgungsbetrieben, Museen und Umweltgruppen an einen Tisch, um aus früheren Debatten, Entscheidungen und Strategien neue Ideen zu generieren und gegenwärtige Krisen mit Infrastruktursystemen zu meistern. Dabei geht es etwa um Notfallszenarien für die Berliner Wasserversorgung oder um die Frage, wie die Energieversorgung der Stadt gesichert werden kann. Probleme, mit denen Berlin schon früher konfrontiert war – und für die die Stadt Lösungen fand. Beispiele reichen von Versorgungsengpässen während des Kapp-Putsches nach dem Ersten Weltkrieg bis zur Blockade West-Berlins 1948/49 und der anschließenden politischen Teilung der Stadt. „Am Anfang der Workshops mit den Stakeholdern muss ich manchmal mit falschen Erwartungen aufräumen“, sagt Moss lachend, „ich halte keine Lösungen bereit!“ Meist ist er selbst überrascht, über die Impulse, die bei den Treffen entstehen, freut sich über das positive Feedback der Teilnehmenden.
Blick in die Überraschungsbox
Um die Beteiligten einzustimmen, benutzt Moss eine Überraschungsbox. Sie enthält unterschiedliche historische Dokumente oder Artefakte zum Workshop-Thema: Archivmaterialien, Zeitungsartikel, Fotos und Grafiken. Dabei werden nicht nur Erfolgsmodelle diskutiert. So führte ein Workshop in die 1920er, als die Verantwortlichen Engpässe in der Wasserversorgung Berlins durch stark ansteigenden Bevölkerungszuwachs befürchteten. Ein detaillierter Plan sah Wasserimporte aus Oder und Elbe vor. Die Idee wurde damals verworfen und zu dem erwarteten Bevölkerungsanstieg von zwölf Millionen Menschen ist es in Berlin bis heute nicht gekommen. „Es gibt kein institutionelles Gedächtnis, viele Wasserwirtschafler*innen kennen diesen Plan gar nicht, der aber relevant ist, weil es heutzutage ähnliche Überlegungen gibt“, verdeutlicht Moss.
Der Austausch mit einem breiteren Publikum begann für den Stadt- und Infrastruktur-Historiker zu Corona-Zeiten. Ende 2020 hielt er sein gerade erschienenes Buch „Remaking Berlin. A History of the City through Infrastructure, 1920-2020” in den Händen. „Ein Book Launch war damals pandemiebedingt nicht möglich“, erinnert sich Moss, der auch Honorarprofessor an der Leibniz Universität Hannover ist. Zusammen mit seiner Kollegin, der Wissenschaftskommunikatorin Pauline Münch, entwickelte er ein neues Format: die „Walkshops“. Diese Rundgänge für interessiertes Publikum führten zu fünf historischen Anlagen der Berliner Strom- und Gaserzeugung, Wasserversorgung und Abwasserentsorgung in Charlottenburg. Dazu gehören beispielsweise das ehemalige Gaswerk Charlottenburg und die Ruths-Dampfspeicheranlage.
Die Walkshops kamen gut an beim Publikum. Dazu gibt es eine digitale Version mit Audiobeiträgen, Film- und Fotomaterial, die man sich am PC anschauen kann. Münch und Moss wurden dafür 2023 vom Verein Deutscher Ingenieure e.V. (VDI) mit dem Conrad-Matschoß-Preis in der Kategorie „populärwissenschaftliche Vermittlung“ ausgezeichnet.
Wasserpumpen regelmäßig nutzen
Zu den Stopps in den Walkshops gehört auch ein gusseiserner Straßenbrunnen, wie er in Berlin häufig zu finden ist. Ursprünglich wurden diese allein durch Muskelkraft betriebenen Pumpen installiert, um Wasser zum Trinken, Kochen und Waschen sowie zur Brandbekämpfung und Pferdetränkung bereitzustellen. Als 1856 die zentrale Wasserversorgung eingeführt wurde, verschwanden die Straßenbrunnen nicht, sondern wurden von der Berliner Bevölkerung einfach weiter genutzt – bis heute. Während die ursprünglichen Funktionen an Bedeutung verloren, entstanden neue.
Während der Berlin-Blockade kamen die Pumpen vermehrt zum Einsatz, weil die Wasserversorgung im Westteil unterbrochen war. Die Zahl der Wasserpumpen stieg im Kalten Krieg in diesem Teil der Stadt sogar deutlich an und ging nicht wie im Ostteil oder in anderen Städten zurück.
Heute stehen 2091 Pumpen in Berlin, sie werden zur Bewässerung von dürregeplagten Bäumen oder zur Vermittlung von Wissen rund ums Grundwasser eingesetzt. Dafür engagiert sich insbesondere die Umweltorganisation BUND, die eine kollektive Pflege der Pumpen durch die Berliner Stadtbevölkerung fördern möchte. Dabei kann jeder mitwirken. Denn es ist wichtig, die Pumpen regelmäßig zu nutzen, um sie am Laufen zu halten.
Blick für Infrastrukturen im Kleinen schärfen
„Auch heute könnten wir in einem Versorgungsnotfall auf die Pumpen zurückgreifen, wir würden dann Tabletten zur Desinfektion des Wassers bekommen“, erklärt Moss. Denn auf vielen der Pumpen steht „Kein Trinkwasser“, was auf bakterielle und chemische Verunreinigungen schließen lässt. Aber hier sollte sich die Lage zum Besseren wenden. Im April 2025 übernahmen die Berliner Wasserbetriebe (BWB) die Wartung und Reparatur der Berliner Straßenbrunnen. Sogar die Installation neuer Pumpen ist geplant.
Vorher führten verteilte Zuständigkeiten zwischen Stadt-, Bundesregierung und Bezirksbehörden eher zu Stagnation. Die Sorge um die Vulnerablität der zentralen Wasserversorgung in Zeiten umgreifender Krisen hat den Blick für diese Infrastrukturen im Kleinen geschärft, die ohne Wassernetz und Stromversorgung auskommen. „Das Besondere an den Straßenbrunnen ist, dass ihre Nutzung kaum staatlich vorgegeben war“, erklärt Moss. „Viele ihrer Funktionen sind aus Initiativen von Bürgerinnen und Bürgern entstanden – und haben letztlich dazu beigetragen, dass die Wasserpumpen bis heute erhalten geblieben sind.“ Für ihn sind die Wasserpumpen ein Paradebeispiel dafür, dass „veraltete“ Technologien nicht gleich zum alten Eisen gehören. Denn wer hätte vor 200 Jahren schon gedacht, dass die Berliner Straßenbrunnen auch im 21. Jahrhundert noch bedeutend sein werden?
In loser Folge stellen wir Forschende vor, deren Projekte in der Ausstellung „On Water“ im Humboldt Labor gezeigt werden. Wer mehr über Berlins Straßenbrunnen und Wasser allgemein erfahren möchte, findet weitere Informationen in der Ausstellung im Humboldt Forum.
Autorin: Ljiljana Nikolic / HU Berlin
Mehr über Timothy Moss erfahren
Kontakt:
Prof. Dr. Timothy Moss
Integrative Research Institute on Transformations of Human-Environment Systems – IRI THESys
Humboldt-Universität zu Berlin
Rudower Chaussee 12B, 12489 Berlin
+49 30 2093-66436
timothy.moss(at)hu-berlin.de
www.iri-thesys.org
Quelle: HU Berlin, 19.03.2026
