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20. April 2026

Elektrokatalysatoren: Ladungs­trennung an der Fest-Flüssig-Grenzfläche modelliert

Neues Modell beschreibt erstmals die Prozesse an der Grenzfläche und ermöglicht damit ein gezieltes Materialdesign

3D-Darstellung eines Kristallgitters aus silbernen Kugeln und Stäben neben einer Darstellung von rot-weißen Molekülen in Bewegung
Die Visualisierung zeigt die Grenzschicht, die sich zwischen der festen, kristallinen Elektrode und dem flüssigen Elektrolyten bildet. Innerhalb dieser Schicht finden Ladungstrennung und chemische Reaktionen statt. Das neue Modell beschreibt diese Prozesse und hilft bei der Entwicklung und Verbesserung von Elektrokatalysatoren. © HZB/Gemini (AI)

Wasserstoff spielt für die Wende hin zur CO₂-Neutralität eine entscheidende Rolle, sowohl als Energieträger als auch als Ausgangsstoff für die grüne Chemie. Die großtechnische Erzeugung von Wasserstoff durch Elektrolyse sowie vieler anderer chemischer Produkte erfordert jedoch deutlich kostengünstigere und effizientere Katalysatoren. Um Elektrokatalysatoren gezielt zu verbessern, ist es von großem Nutzen, die elektrochemischen Prozesse genau zu verstehen, die an der Grenzfläche zwischen dem festen Katalysator und dem flüssigen Medium ablaufen. Ein europäisches Team hat In der Fachzeitschrift Nature Communications ein leistungsfähiges Modell vorgestellt, das die Ladungstrennung an der Grenzfläche, die Bildung der elektrischen Doppelschicht sowie deren Einfluss auf die katalytische Aktivität hervorragend beschreibt.

Die Elektrokatalyse ist eine Technologie mit enormem Potenzial: Mit geeigneten Elektrokatalysatoren und Ökostrom lässt sich Wasserstoff nahezu klimaneutral herstellen oder – ein weiteres wichtiges Beispiel – CO2 in Kohlenwasserstoffe umwandeln. Leider bestehen herkömmliche Katalysatoren aus seltenen Edelmetallen wie Platin oder Iridium. Kostengünstige Katalysatoren, z.B. aus Übergangsmetallhydroxiden, wurden bislang nur für bestimmte Teilreaktionen entwickelt. Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass auch die Beschichtung metallischer Oberflächen mit Nickelhydroxid-Nanoclustern die katalytische Aktivität steigern kann.

Bislang war jedoch unklar, warum dies funktioniert. „Obwohl Veränderungen in der Struktur des Elektrolyten nahe der Grenzfläche nachgewiesen wurden, war nicht wirklich verstanden, was an der Grenze zwischen der festen Elektrode und dem flüssigen Elektrolyten geschieht, wo diese Reaktionen stattfinden. Diese Grenzfläche ist von Natur aus komplex, da sie sowohl die Physik des festen Materials als auch die Chemie der Flüssigkeit umfasst“, sagt Arsène Chemin vom Institut Lumière Matière und der Université Claude Bernard Lyon 1.

Chemin und sein Kollege David Amans haben zusammen mit Tristan Petit und Louis Godeffroy vom Helmholtz-Zentrum Berlin ein Modell entwickelt, das auf Festkörperphysik basiert und die Metall/Halbleiter/Elektrolyt-Grenzfläche während der Elektrokatalyse beschreibt. Indem das Modell das Fermi-Niveau zusammen mit dem chemischen Potential in einem einheitlichen Bild betrachtet, schlägt es eine Brücke zwischen Festkörperphysik und Chemie und stellt eine direkte Verbindung zu elektrokatalytischen Formalismen wie der Butler-Volmer-Kinetik her.

„Konkret berücksichtigen wir die Potentialbarrieren und elektrischen Felder an der Grenzfläche, die durch den Ladungstransfer induziert werden. Dabei klären wir den Ursprung der Ladungstrennung an der Grenzfläche auf und zeigen, wie sich eine elektrische Doppelschicht bildet, die das lokale elektrische Potential beeinflusst“, sagt Petit. „Tatsächlich scheint das lokale elektrische Potential bei den meisten Metallelektroden der limitierende Faktor für die katalytische Aktivität zu sein!“, fügt Chemin hinzu. Das Modell liefert zudem Hinweise, wie die elektrokatalytische Aktivität von Dünnschichtkatalysatoren gesteigert werden kann: beispielsweise durch Aufbringen einer dünnen Halbleiterschicht (1 bis 10 nm) auf eine Metallelektrode. Das neue Modell bietet theoretische Kriterien für die Konstruktion effektiver Elektroden und kann als Leitfaden für die Entwicklung neuer Materialien dienen. Die weitaus detaillierteren Einblicke in elektrochemische Vorgänge an Fest-Flüssig-Grenzflächen, die dadurch ermöglicht werden, sind hilfreich, um mit gezielteren Designstrategien neue Materialien für die Elektrokatalyse, Batterien, aber auch für andere Energieumwandlungstechnologien zu entwickeln.

Publikation:

Nature Communications (2026): The role of the Helmholtz potential on electrocatalytic activity
Arsène Chemin, Louis Godeffroy, David Amans & Tristan Petit
DOI: 10.1038/s41467-026-70980-5

Kontakt:

Dr. Arsène Chemin
Université Claude Bernard Lyon 1
Institut Lumière Matière
arsene.chemin(at)univ-lyon1.fr
www.arsenechemin.com

Dr. Tristan Petit
Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie (HZB)
Nachwuchsgruppe Nanoskalige Fest-Flüssig-Grenzflächen
(030) 8062-17153
tristan.petit(at)helmholtz-berlin.de

Dr. Antonia Rötger
Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie (HZB)
Pressestelle
(030) 8062-43733
antonia.roetger(at)helmholtz-berlin.de

 

HZB-Pressemitteilung vom 16.04.2026

Außeruniversitäre Forschung Mikrosysteme / Materialien Erneuerbare Energien Grand Challenges

Meldungen dazu

  • Schematische Darstellung der Schichten mit dazwischen liegenden Atomen

    MXene als Energiespeicher vielseitiger als gedacht

    HZB-Team kartiert chemische Zustände von Titanatomen mit dem Röntgenmikroskop „MYSTIIC” an BESSY II
  • Blick durch eine runde Öffnung auf eine Maschine

    Torf statt Platin für Brennstoffzellen

    Neue Katalysator­materialien für günstigere und nachhaltigere Energieerzeugung an BESSY II untersucht
  • Neun schematische Bilder, die chemische Reaktionen visualisieren

    Elektrokatalyse mit doppeltem Nutzen – ein Überblick

    Synchrotronquellen ermöglichen Einblicke in komplexe Reaktionen und können so die Entwicklung von hybriden Elektrolyseuren beflügeln
  • Oberfläche eines Vanadiumcarbid-MXens unter dem Rasterelektronenmikroskop © B. Schmiedecke/HZB

    MXene als Katalysatoren für die Erzeugung von grünem Wasserstoff geeignet

    Die Materialklasse arbeitet stabiler und effizienter als die derzeit besten Metalloxid-Katalysatoren
  • Vier Diamantmaterialien © A. Chemin / HZB

    Diamantmaterialien als solarbetriebene Elektroden

    Überraschende Erkenntnisse über die Materialklasse durch verschiedene röntgenspektroskopische Methoden bei BESSY II gewonnen

Verknüpfte Einrichtungen

  • Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie GmbH, Elektronenspeicherring BESSY II

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Die Entwicklung des Wissenschafts- und Technologieparks Berlin Adlershof wurde und wird co-finanziert durch die Europäische Union mit EFRE-Mitteln; insbesondere Infrastrukturmaßnahmen wie der Bau von Technologiezentren. EFRE-Mittel werden auch für internationale Projekte verwendet.

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