Forschung für den Ballungsraum: Adlershofer Geographin nimmt die Folgen der Gentrifizierung unter die Lupe

26. Februar 2018

Forschung für den Ballungsraum

Adlershofer Geographin nimmt die Folgen der Gentrifizierung unter die Lupe

Ilse Helbrecht, HU Berlin

Stadtforscherin Ilse Helbrecht

Ihr Forschungsfeld ist für Schlagzeilen gut. Ilse Helbrecht beschäftigt sich mit Gentrifizierung, einem globalen Prozess, der auch in Berlin zu hitzigen Diskussionen und lautstarken Protesten führt. „Es handelt sich um einen Vorgang, bei dem reichere Bevölkerungsgruppen ärmere aus ihren angestammten Quartieren verdrängen“, sagt die Professorin am Institut für Geographie der Humboldt-Universität zu Berlin (HU). Gentrifizierung sei aber nur ein Aspekt ihrer Arbeit. „Ich bin Stadtforscherin und fokussiere mich auf kulturelle und soziale Fragen bei der Entwicklung von Städten“, erklärt Helbrecht, die den Lehrstuhl für Kultur- und Sozialgeographie in Adlershof innehat.

In Europa leben 80 Prozent der Bevölkerung in Städten. Diese verändern sich durch Zuwanderung, wachsenden Anteil alter Menschen oder neue Lebensformen wie der Ehe für alle. Wie kann das Zusammenleben in den immer vielfältigeren Gesellschaften gelingen? Diese Frage greift Helbrecht auf. Wie altert eine diverse Gesellschaft, heißt etwa ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt. Auch an dem Sonderforschungsbereich „Re-Figuration von Räumen“ von HU und Technischer Universität Berlin ist sie beteiligt.

Die Lehre ist ihr wichtig. So gelang es Helbrecht, Master-Studierende für ein anspruchsvolles Projekt zu motivieren. Erstmals sollte empirisch erforscht werden, wie sich Gentrifizierung auf diejenigen auswirkt, die aus ihrem vertrauten Umfeld wegziehen müssen. „Wir wissen im Gentrifizierungsprozess viel über die Aufwertung des betroffenen Stadtviertels, aber wenig über die negativen Folgen“, sagt Helbrecht. Mangels handfester Daten, etwa aus einer Volkszählung, sei das schwer zu untersuchen. Doch den Studenten gelang es, an die Verdrängten ranzukommen. Nachzulesen im Taschenbuch „Gentrifizierung in Berlin: Verdrängungsprozesse und Bleibestrategien“.

Derartiges Engagement überzeugte auch die Jury, die Helbrecht 2018 mit der „Caroline von Humboldt-Professur“ auszeichnete. Der durch die Exzellenzinitiative geförderte Preis würdigt herausragende Professorinnen der HU und unterstützt ihre Forschung mit einem Preisgeld von 80.000 Euro. Kriterien für die Vergabe sind internationales Renommee, die Relevanz der Forschungsergebnisse über das Fachgebiet hinaus und herausragende Publikationstätigkeit.

All diese Faktoren entdeckte die Jury in der Laufbahn der HU-Geographin. Dies ist umso bemerkenswerter, als die Strukturen im Hochschul- und Forschungsbereich eher männerorientiert sind. „Ich musste immer kämpfen“, sagt Helbrecht. Es sei schwer, in die männlich dominierten Netzwerke hineinzukommen. Der Anteil der Frauen werde immer geringer, je höher es die Karriereleiter gehe. So ist rund die Hälfte der Geographie-Studierenden weiblich, aber nur etwa 20 Prozent der Professuren sind mit Frauen besetzt. Mittlerweile hält Helbrecht die Einführung einer Frauenquote wie bei Dax-Unternehmen für bedenkenswert.

Ganz ohne Quote hat Ilse Helbrecht ihre Karriere geschafft. Nach dem Studium in Münster, der Promotion und Habilitation an der Technischen Universität München, dazwischen einem zweijährigen Postdoc-Aufenthalt in Vancouver, wurde sie 2002 Professorin und für drei Jahre auch Konrektorin an der Uni Bremen. 2009 nahm sie den Ruf an die HU an und war zudem von 2015 bis 2017 Institutsdirektorin. Seit 2014 ist sie auch Direktorin des Georg-Simmel-Zentrums für Metropolenforschung, einer interdisziplinären Koordinationsplattform der HU in Berlin-Mitte.

Von Paul Janositz für Adlershof Journal

www.geographie.hu-berlin.de/de/Members/helbrecht_ilse

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